Dekorative grüne Flächen

Volker Resing nach den Landtagswahlen: Demokratie darf auch unbequem sein

Nach den jüngsten Landtagswahlen wird viel über Parteien und Mehrheiten gesprochen. Die neue Folge des Podcasts „Friedensreiter“ fragt stattdessen nach dem Zustand der Gesellschaft. Der Journalist Volker Resing plädiert dafür, politischen Streit nicht mit Spaltung zu verwechseln – und Konflikte wieder in die demokratische Mitte zurückzuholen.

▶ Auf YouTube ansehen

Eine hohe Wahlbeteiligung ist zunächst eine gute Nachricht. Auch dann, wenn einem das Ergebnis nicht gefällt. Mit diesem Gedanken beginnt die neue Folge des Podcasts „Friedensreiter“. Marcel Speker-Underbrink und Jochen Reidegeld interessieren sich dabei weniger für Gewinner und Verlierer der jüngsten Landtagswahlen als für das, was sich unterhalb der Wahlergebnisse abspielt: Wie konfliktfähig ist die deutsche Gesellschaft noch? Zu Gast ist Volker Resing, Chefredakteur der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ und zuvor Ressortleiter beim Magazin „Cicero“. Er warnt davor, aus politischen Gegensätzen vorschnell auf eine tief gespaltene Gesellschaft zu schließen. Neu sei weniger der Streit als seine permanente Sichtbarkeit. Soziale Medien hätten die Gesellschaft gewissermaßen „stammtischisiert“. Politik laufe auf dem Smartphone, in Familiengruppen und sozialen Netzwerken ständig mit. Das mache Konflikte sichtbarer – und verschärfe sie mitunter.

Entscheidend sei deshalb nicht, politische Gegensätze zu beseitigen. „Die Demokratie ist nicht die Organisation derer, die sich mögen“, sagt Resing. Sie müsse vielmehr das Zusammenleben von Menschen ermöglichen, die sich widersprechen und mitunter fundamental ablehnen. Problematisch werde es, wenn Andersdenkende kategorisiert, moralisch abgeschrieben oder gar nicht mehr als Gesprächspartner betrachtet würden. Resing plädiert deshalb dafür, „den Streit in die politische Mitte zurückzuholen“. Seine zugespitzte These: „Streit aushalten ist besser, als gegen die Ränder zu kämpfen.“

Dabei dürfe politische Willensbildung nicht als rein rationaler Prozess missverstanden werden. Zugehörigkeit, Anerkennung, Angst oder persönliche Alltagserfahrungen beeinflussten politische Entscheidungen ebenso wie Sachargumente. Wer steigende Kosten unmittelbar spüre, erlebe Politik nicht zuerst in Parteiprogrammen, sondern an der Tankstelle und auf dem Konto. Wer solche Erfahrungen lediglich als irrational abtue, könne politische Entfremdung noch verstärken.

Auch die Medien sieht Resing in einer schwierigen Rolle. Journalisten hätten im digitalen Zeitalter zwei frühere Privilegien verloren: den exklusiven Zugang zu Informationen und die Kontrolle darüber, wer öffentlich senden könne. Podcasts, soziale Netzwerke und Influencer konkurrierten heute unmittelbar mit klassischen Redaktionen. Der wirtschaftliche Kampf um Aufmerksamkeit begünstige Zuspitzung, Personalisierung und permanente Krisenerzählungen.

Am Ende führt das Gespräch zu der Frage, welchen spezifischen Beitrag christliche Akteure leisten können. Resings Antwort lautet: Konfliktfähigkeit. Kirchen könnten Orte sein, an denen erfahrbar werde, dass fundamentaler Widerspruch und menschliche Anerkennung gleichzeitig möglich sind.

Dialog bedeute dabei gerade nicht Harmonie. Gespräche könnten hart sein, Positionen unvereinbar bleiben. Entscheidend sei, den Menschen nicht auf seine politische Auffassung zu reduzieren. Theologisch erhält dieser Gedanke zusätzliches Gewicht: Im Podcast wird an den Satz von Papst Leo XIV. erinnert, kein Mensch solle mit der Überzeugung leben, nicht von Gott geliebt zu sein.

Eine Gesellschaft zerfällt demnach nicht zwangsläufig daran, dass ihre Mitglieder unterschiedlich denken. Gefährlich wird es dort, wo sie einander nicht mehr zutrauen, trotz dieser Unterschiede miteinander leben zu können. Die demokratische Aufgabe besteht deshalb womöglich nicht darin, weniger zu streiten – sondern besser.

Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Frieden und Militärethik (IFME) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Direktor des IFME, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe. Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter

 

Transparenzhinweis: Der Hintergrund in dem Foto wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (ChatGPT) angepasst.

 

zurück zur Übersicht