Ist Deutschland tatsächlich eine zutiefst gespaltene Gesellschaft? Die Soziologin Prof. Dr. Jutta Allmendinger bezweifelt das. Beim Jahresempfang des Katholischen Büros in Hannover warnte sie davor, gesellschaftliche Konflikte vorschnell zu einer umfassenden Vertrauenskrise zu erklären. „Zusammenhalt heißt nicht Harmonie“, betonte sie. Demokratie lebe von unterschiedlichen Interessen, Wertvorstellungen und Lebensentwürfen. Entscheidend sei, Konflikte auszutragen, ohne die Zugehörigkeit anderer infrage zu stellen.
Allmendinger verwies auf empirische Untersuchungen, nach denen sich der gesellschaftliche Zusammenhalt nach seinem Einbruch während der Corona-Pandemie wieder deutlich erholt habe. Die verbreiteten „Spaltungserzählungen“ zeichneten deshalb ein unvollständiges Bild. Die Menschen hätten sich keineswegs in dem Maße von der Gesellschaft abgewandt, wie häufig behauptet werde.
Gerechtigkeit als offene Wunde
Eine andere Entwicklung bereitet der Wissenschaftlerin erheblich größere Sorgen: das schwindende Gerechtigkeitsempfinden. Auf einer Skala von 100 Punkten erreiche es lediglich einen Wert von gut 20 Punkten. Ungleiche Bildungschancen, wachsende Vermögensunterschiede und die mangelnde Anerkennung bestimmter Berufsgruppen gefährdeten das Vertrauen in die gesellschaftliche Ordnung.
Dabei gehe es auch um die Wertschätzung unbezahlter Arbeit, insbesondere bei Kindererziehung und Pflege. Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken wolle, müsse Gerechtigkeit im Alltag erfahrbar machen.
Wenn der Staat verschwindet
Eine weitere Gefahr sieht Allmendinger im Rückzug öffentlicher Einrichtungen aus der Fläche. Wo Schulen, Krankenhäuser oder Verwaltungen schließen, verschwinde zugleich ein Stück sichtbarer Staat. „Vertrauen braucht Orte“, lautete ihre zugespitzte Botschaft. Institutionen müssten erreichbar bleiben und Menschen die Erfahrung vermitteln, wahrgenommen zu werden.
Gerade hier komme den Kirchen eine besondere Bedeutung zu. Mit ihren Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Beratungsstellen und sozialen Diensten seien sie vielerorts präsent, wo andere Institutionen längst verschwunden seien.
Ihre gesellschaftliche Stärke entfalteten Kirchen allerdings erst dann vollständig, wenn sie über die eigene Gemeinschaft hinauswirkten. Sie müssten Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und sozialer Stellung ermöglichen. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt verlangt ein Wir, das groß genug ist für Verschiedenheit.“
Vertrauen muss verdient werden
Allmendinger formulierte fünf Aufgaben: Gerechtigkeit erfahrbar machen, Institutionen sichtbar halten, Begegnungen ermöglichen, Unterschiede anerkennen und gesellschaftliche Mitgestaltung stärken.
Ihr Schlussappell richtete sich gleichermaßen an Politik und Kirchen. Vertrauen lasse sich nicht durch Kommunikation allein herstellen, sondern müsse durch glaubwürdiges Handeln wachsen. Deshalb gelte es, die übliche Vertrauensfrage umzukehren: Nicht warum Menschen Institutionen vertrauen sollten, sei entscheidend, sondern was diese täglich täten, um Vertrauen zu verdienen. Den Maßstab dafür entnahm Allmendinger dem Matthäusevangelium: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
Ministerpräsident Lies dankte den Kirchen
Zuvor hatte der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies in seinem Grußwort die Bedeutung des gesellschaftlichen Dialogs für die Demokratie hervorgehoben. Angesichts zunehmender Polarisierung, populistischer Strömungen und schwindenden Vertrauens in staatliche Institutionen warnte er vor gesellschaftlicher Abschottung. Nicht Vielfalt gefährde den Zusammenhalt, sondern ein fehlender Grundkonsens über das Zusammenleben. Den Kirchen dankte Lies für ihren Beitrag zu Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gerade in Zeiten wachsender Verunsicherung brauche es ihre Orientierung und ihre starken Stimmen. Der Austausch unterschiedlicher Perspektiven sei unverzichtbar für eine lebendige Demokratie.
Jahresempfang in Hannover
Der Jahresempfang des Katholischen Büros in Hannover ist eine gemeinsame Veranstaltung der katholischen Bistümer Osnabrück und Hildesheim sowie des Offizialatsbezirks Oldenburg, des niedersächsischen Teils des Bistum Münsters. Der Leiter des Katholischen Büros, Prof. Dr. Felix Bernard, begrüßte die Gäste gemeinsam mit dem Osnabrücker Bischof Dr. Dominicus Meier, dem Offizial und Weihbischof Wilfried Theising und dem Hildesheimer Diözesanadministrator und Weihbischof Martin Marahrens, die Gäste. Zahlreiche Vertreter aus den verschiedenen Bistümern waren ebenfalls zugegen, unter anderem auch der Direktor des Ludwig-Windthorst-Hauses, der Katholisch-Sozialen Akademie des Bistums Osnabrück, Marcel Speker-Underbrink.
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