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Papst zur Künstlichen Intelligenz: Der Mensch gehört in den Mittelpunkt

Mit seiner ersten Enzyklika "Magnifica Humanitas" hat Papst Leo XIV. die Künstliche Intelligenz zu einem zentralen Thema kirchlicher Sozialethik gemacht. Der Papst würdigt die Chancen der Technologie, warnt zugleich aber vor einer Entwicklung, in der wirtschaftliche Interessen, technischer Machbarkeitsglaube und die Optimierung des Menschen die Würde des Einzelnen in den Hintergrund drängen. Doch welche Orientierung bietet die Enzyklika konkret? Kommt die Kirche mit ihrer Auseinandersetzung mit KI zu spät? Und kann eine Technologie, die immer stärker in das Leben der Menschen eingreift, sogar religiöse Funktionen übernehmen? Darüber sprechen der Theologe und KI-Experte Michael Brendel sowie Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, stellvertretender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden im LWH-Doppelinterview.

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Frage: Warum beschäftigt sich die Kirche und ausgerechnet dieser Papst mit künstlicher Intelligenz?

Dr. Jochen Reidegeld: Die Kirche beschränkt sich nicht auf Seelsorge. Ihre wesentliche Sorge ist der Mensch und sein Wohlergehen. Papst Leo XIV. knüpft dabei bewusst an Leo XIII. an, der auf die Industrialisierung reagierte. Auch wir erleben heute einen Zeitumbruch. KI ist längst Gegenwart und verlangt Antworten auf ethische Fragen.

Frage: Ist die Kirche zu spät dran?

Michael Brendel: Nein. Die Kirche braucht oft länger, aber eine Enzyklika muss gut überlegt sein. Der Papst macht vieles konkreter, vor allem mit Blick auf die Macht der Konzerne. Gleichzeitig ist bei KI noch vieles offen. Der Impuls aus dem Vatikan kommt genau richtig.

Frage: Legt der Papst den Fokus zu sehr auf Risiken?

Brendel: Ich finde Papst Leo ordnet das Thema ausgewogen ein und erwähnt neben Risiken auch Chancen, die sich etwa bei monotonen oder komplexen Aufgaben ergeben. Entscheidend ist für ihn der verantwortungsvolle Einsatz: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, dazu braucht es politische Rahmenbedingungen, Regulierung und Mitverantwortung der Nutzenden.

Frage: Welche konkreten Vorgaben und Impulse gibt die Enzyklika?

Reidegeld: Es geht nicht um Vorgaben, sondern Orientierungshilfen. Papst Leo stellt Babel und Jerusalem als Alternativen gegenüber: ein grenzenloses, gewinnorientiertes Projekt oder gemeinsamer Aufbau. Die Frage ist nicht, ob KI gut oder schlecht ist, sondern ob sie dem Guten dient. Dabei fragt er auch nach den Algorithmen und warnt vor subjektiv definierter Moral. Konkret unterstützt er etwa, dass Jugendliche soziale Medien nicht ungeschützt nutzen.

Brendel: Beeindruckend fand ich seine Aussagen zur Endlichkeit des Menschen. Gerade Begrenztheit, Schwäche und Schmerz ermöglichen Mitgefühl und Nächstenliebe. Außerdem fordert er mehr KI-Kompetenz in Bildung und Gesellschaft.

Reidegeld: Im Kern geht es ihm um das Menschenbild. Soll der Mensch optimiert werden oder machen gerade Grenzen und Schwächen Menschlichkeit aus? Viele autoritäre Ideologien wollten den perfekten Menschen schaffen – mit verheerenden Folgen. Die Enzyklika ist kein Rezeptbuch, sondern ein Kompass für verantwortbare Entwicklung.

Frage: Wie bewerten Sie die Kritik, die Enzyklika lade zu „Popewashing“ durch KI-Unternehmen ein, gerade auch durch die Einbindung von Tech-Unternehmern bei der Präsentation der Enzyklika?
Brendel: Ich finde es konsequent, Vertreter der Industrie einzubinden. Der Kern der Enzyklika bleibt der Schutz der Menschenwürde – etwa beim Sammeln von Daten oder bei Vorurteilen in KI-Systemen.

Frage: Besteht die Gefahr, dass KI eine Ersatzreligion wird?

Brendel: Der Papst warnt davor, dass menschliche Begegnung nicht ersetzt werden darf. KI kann keine echte Empathie entwickeln. Beziehung bedeutet gemeinsame Erinnerungen, Emotionen und persönliche Begegnung.

Reidegeld: Christsein lebt von Gemeinschaft. Gefahr entsteht auch durch die „Manipulation der Wahrheit“. Wenn Wahrheit keine verlässliche Größe mehr ist, verliert die Gesellschaft ihre Grundlage. Gerade soziale Medien zeigen, wie intransparente Algorithmen destruktive Botschaften fördern. Das sollte uns aber nicht ängstlich machen, sondern zum mutigen Gestalten motivieren.

Brendel: Die Vorstellung von Technik als Allheilmittel muss man ernst nehmen. Im Silicon Valley gilt oft: Nur mit immer neuer Technik wird der Mensch vollkommener. Genau das steht im Gegensatz zum christlichen Menschenbild.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bildnachweis: © Vatican Media

 

Das ganze Interview im Wortlaut zum Nachlesen und als Audio-Datei zum Nachhören finden Sie in den Downloads:

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