Im Ludwig-Windthorst-Haus las Prüfer aus seinem Buch Was Sie wirklich über Erziehung wissen müssen und machte schnell klar: Hier spricht kein Erziehungspapst, sondern einer, der die Heilsgewissheiten der Erziehungsratgeber mit milder Skepsis betrachtet. Zwischen „Mama, nicht schreien“, „Wurzeln und Flügel“ und den Drei-Satz-Coaches auf Instagram entdeckt Prüfer vor allem eines: eine Kultur der Verunsicherung. Eltern, so seine Diagnose, wird ständig erklärt, was sie alles falsch machen können – und fast nie, dass vieles längst gut genug ist.
Sein stärkstes Argument ist dabei nicht die große Theorie, sondern die kleine Szene. Etwa jene Tochter, die sich beim Abholen aus der Kita vor dem Vater versteckt wie eine Wildkatze im Gehege und nur nach Mama ruft. Oder der Familienstreit um Teller, die angeblich „gleich“ in die Spülmaschine geräumt werden. Prüfer erzählt solche Momente nicht als Niederlagen, sondern als Belege dafür, dass Erziehung selten nach Lehrbuch funktioniert. Kinder sind keine Projekte, Eltern keine Bedienungsanleitung.
Feuilletonistisch leicht, aber mit wissenschaftlichem Ernst führte Prüfer durch die Geschichte pädagogischer Gewissheiten: vom für das 18. Jahrhundert überraschend kinderfreundlichen Ansatz eines August Hermann Niemeyer bis zu Moritz Schrebers düsterem Blick auf das Kind als Wildwuchs. Auch den vielbeschworenen „autoritativen Erziehungsstil“ nahm er auseinander: Nicht Macht, nicht Durchsetzung um ihrer selbst willen helfe Kindern, sondern Wärme, Verlässlichkeit, Struktur – und Erwachsene, die selbst ein Leben haben.
Am Ende stand deshalb kein neuer Ratgebertrick, sondern eine Entlastung: Eltern müssen nicht perfekt sein. Sie sollen lieben, lernen, sich entschuldigen können, Grenzen haben und manchmal einfach mit ihren Kindern Tiefkühlpizza essen. Glückliche Familie, so klang es an diesem Abend, ist gelegentlich erstaunlich banal: zusammen herumhängen, nicht optimieren, da sein.
So wurde die Lesung im LWH zu einem heiteren Plädoyer gegen pädagogische Panik – und für eine Erziehung, die nicht alles richtig machen will, sondern meistens gut genug ist.
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