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General a.D. Andreas Marlow: Verteidigung multinational denken

„Keine Nation wäre heutzutage alleine in der Lage, die Stärke aufzubringen, um sich selbst zu verteidigen.“ Verteidigung sei im 21. Jahrhundert nur noch multinational zu denken – und Deutschland müsse dabei mehr Verantwortung in Europa übernehmen. Das sagte Generalleutnant a. D. Andreas Marlow in der aktuellen Folge des Podcast Friedensreiter.

Marlow, bis 2025 stellvertretender Inspekteur des Heeres, begrüßte ausdrücklich den von Verteidigungsminister Boris Pistorius geprägten Begriff der „Kriegstüchtigkeit“. Seine erste Reaktion: „Gott sei Dank, dass das mal jemand ausspricht.“ Der Begriff markiere eine notwendige Abkehr von sicherheitspolitischer Selbstberuhigung hin zu mehr Ernsthaftigkeit.

Das Bild einer „Trümmertruppe“ Bundeswehr wies Marlow zurück. Die Lage sei differenziert: Es gebe deutliche Defizite bei Material und Strukturen – Folge jahrzehntelanger Einsparungen. Zugleich verfüge die Truppe über „super Personal“, gut ausgebildet und hoch motiviert. Gerade dieses habe bislang viele Lücken kompensiert.

Der Ukrainekrieg zwinge jedoch zu einem Umdenken. Drohnen, kurze Innovationszyklen und permanente Anpassung bestimmten moderne Konflikte. Klassische Beschaffungsprozesse seien dafür zu langsam. „Früher hatten wir wenig Geld und viel Zeit – heute haben wir wenig Zeit und viel Geld“, so Marlow. Entscheidend sei, dass aus finanziellen Mitteln tatsächlich Fähigkeiten entstehen: „Geld alleine schreckt nicht ab.“

Mit Blick auf Russland warnte er vor falscher Sicherheit. Auch wenn häufig das Jahr 2029 als Referenz genannt werde, könne eine Eskalation früher erfolgen – etwa in hybrider Form. Die NATO sei grundsätzlich vorbereitet, doch glaubwürdige Abschreckung bleibe entscheidend.

Zugleich rückte Marlow die innere Dimension von Verteidigungsfähigkeit in den Mittelpunkt. Seine Erfahrungen in Einsätzen hätten gezeigt, was Krieg konkret bedeute – und wie wichtig Motivation sei. „Moral ist vielleicht noch viel entscheidender als Ausrüstung.“ Der Wille, zu verteidigen, sei zentral.

Hier sieht er eine gesellschaftliche Herausforderung. Wenn junge Menschen den Wert der eigenen Ordnung nicht mehr erkennen, sei das ein Warnsignal. Die Bundeswehr müsse deshalb sichtbarer werden und stärker den Dialog suchen. Auch die Wehrpflicht hält Marlow langfristig für wahrscheinlich – nicht nur aus militärischen Gründen, sondern als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Streitkräften.

Sein Fazit ist eindeutig: Verteidigungsfähigkeit ist mehr als Aufrüstung. Sie verlangt politischen Willen, gesellschaftliche Überzeugung und europäische Kooperation. Deutschland müsse dabei eine stärkere Führungsrolle übernehmen – „damit wir, falls wir in Europa alleine stehen, auch alleine bestehen können.“

 

Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe. 

Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter 
Zur aktuellen Folge auf YouTube: https://youtu.be/Vryx6vKbuXo 

 

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