Dekorative grüne Flächen

Frieden braucht mehr als gute Absichten - General a.D. Alfons Mais im Gespräch

Kann eine Gesellschaft den Frieden bewahren, ohne bereit zu sein, ihn notfalls auch zu verteidigen? Kaum eine Frage stellt die christliche Friedensethik derzeit vor größere Herausforderungen. Jahrzehntelang galt militärische Zurückhaltung als moralischer Kompass deutscher Sicherheitspolitik. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zwingt jedoch dazu, viele Gewissheiten neu zu prüfen. Im Podcast Friedensreiter diskutieren Generalleutnant a. D. Alfons Mais und Gastgeber Jochen Reidegeld diese Spannung – nicht als Gegensatz zwischen Frieden und Militär, sondern als ethische Herausforderung einer demokratischen Gesellschaft. Die zentrale Botschaft lautet: Frieden entsteht nicht allein durch den Wunsch nach Verständigung. Er braucht die Fähigkeit, Freiheit und Recht wirksam zu schützen.

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Dabei rückt Mais einen Gedanken in den Mittelpunkt, der zunächst paradox erscheint. Abschreckung sei gerade kein Gegenentwurf zum Frieden, sondern dessen Voraussetzung. Bereits während des Kalten Krieges habe die Bundeswehr auf die Überzeugung gesetzt, „kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Eine starke konventionelle Verteidigung erhöhe die Schwelle für einen nuklearen Konflikt. Je glaubwürdiger die Fähigkeit zur Verteidigung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit militärischer Eskalation.

Doch die eigentliche friedensethische Frage beginnt dort, wo militärische Notwendigkeiten auf demokratische Werte treffen. Was bedeutet Verantwortung in einer Zeit, in der Drohnen autonom Ziele erkennen, künstliche Intelligenz Gefechte beschleunigt und Kriege nahezu in Echtzeit verfolgt werden können?

Mais plädiert dafür, technische Entwicklungen weder zu romantisieren noch zu verteufeln. Beim Schutz eigener Soldaten könne Automatisierung Leben retten. Wo jedoch über Leben und Tod entschieden werde, müsse menschliche Verantwortung erhalten bleiben. Die ethische Abwägung dürfe nicht an Algorithmen delegiert werden. Gerade weil autoritäre Staaten andere Maßstäbe anlegten, dürfe der Westen seine eigenen Werte nicht leichtfertig aufgeben.

Damit verschiebt sich die Diskussion von der Technik zur Haltung. Friedensethik erschöpft sich nicht in der Frage, welche Waffen eingesetzt werden dürfen. Sie beginnt bereits bei der Verantwortung einer Gesellschaft für ihre eigene Freiheit.

Diese Verantwortung versteht Mais ausdrücklich als Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger. Freiheit lasse sich weder vollständig an Verbündete noch ausschließlich an Berufssoldaten delegieren, denn „Freiheit ist nicht umsonst“. Wer in einem demokratischen Rechtsstaat leben wolle, müsse akzeptieren, dass dessen Schutz gemeinschaftliche Verpflichtungen mit sich bringe. Deshalb versteht er die Debatte über Wehrpflicht oder Pflichtdienst nicht allein als Instrument der Personalgewinnung, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Mitverantwortung.

Bemerkenswert ist dabei, dass der ehemalige Heeresinspekteur militärische Stärke gerade nicht gegen Friedenspolitik ausspielt. Diplomatie, internationales Recht und politische Lösungen bleiben unverzichtbar. Zugleich warnt er davor, Wunschdenken mit Realität zu verwechseln. Friedenspolitik müsse sich an der tatsächlichen Bedrohungslage orientieren und dürfe Gefahren nicht ausblenden.

Gerade hierin liegt der eigentliche Ertrag des Gesprächs. Es fordert weder eine Militarisierung der Gesellschaft noch einen Abschied von friedensethischen Idealen. Vielmehr wirbt es für einen nüchternen Realismus, der Frieden nicht gegen Sicherheit ausspielt und Sicherheit nicht von Ethik trennt.

So bleibt am Ende ein Gedanke, der weit über die Bundeswehr hinausweist: Eine freiheitliche Gesellschaft verteidigt nicht Waffen oder Grenzen um ihrer selbst willen. Sie schützt die Werte, die ihr Zusammenleben erst ermöglichen – Menschenwürde, Recht und Freiheit. Friedensethik bedeutet deshalb nicht nur, Kriege verhindern zu wollen. Sie verlangt ebenso die Bereitschaft, Verantwortung für den Erhalt eines gerechten Friedens zu übernehmen.

Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe. Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter

 

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