Stein ist zu Gast in der aktuellen Ausgabe des Podcasts Friedensreiter. Im Gespräch mit den Podcast-Hosts Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld und Marcel Speker-Underbrink beschreibt einen Konflikt zweier historischer Erfahrungen. Auf jüdischer Seite steht eine über Jahrhunderte gewachsene Geschichte von Verfolgung, die in der Schoah kulminierte und durch Kriege und Terror immer wieder aktualisiert wurde. Auf palästinensischer Seite stehen Flucht und Vertreibung seit 1948 und das unerfüllte Streben nach nationaler Selbstbestimmung. Für Stein folgt daraus ein klarer Grundsatz: Wenn Juden das Recht auf Selbstbestimmung beanspruchten, müsse es auch für die Palästinenser gelten. „Sie, genauso wie wir als Volk, haben das Recht auf Selbstbestimmung.“ Gerade die konkurrierenden Opfererfahrungen erschweren jedoch die Verständigung. Die jüdische Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung „steckt zum Teil kollektiv in den Knochen“, sagt Stein. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat diese Erfahrung auf brutale Weise erneuert. Die israelische Gesellschaft sei noch immer traumatisiert und kaum bereit, über einen Ausgleich mit den Palästinensern nachzudenken.
Stein weiß aus eigener Erfahrung, was Krieg mit Menschen macht. Als 19-jähriger Fallschirmjäger kämpfte er 1967 im Sechstagekrieg, verlor enge Kameraden und entging selbst nur knapp dem Tod. Auch der Jom-Kippur-Krieg 1973 wurde für ihn zu einem biographischen Einschnitt. Krieg, sagt er, hinterlasse „Spuren für das ganze Leben“. Später wurde Stein Diplomat, beschäftigte sich mit Abrüstung und Rüstungskontrolle und vertrat Israel von 2001 bis 2007 als Botschafter in Deutschland. Die Folgen kollektiver Traumatisierung beschreibt er heute mit bemerkenswerter Schärfe. Große Teile der israelischen Öffentlichkeit hätten das Ausmaß der Zerstörung in Gaza kaum wahrgenommen. „Wir sind blind“, sagt Stein. „Wenn man mit dem eigenen Leid so befasst ist, hat man fast keinen Raum für das Leid der anderen.“ Das ist für ihn weniger Rechtfertigung als Diagnose: Erlittene Gewalt kann die Wahrnehmung der Gewalt verengen, die anderen widerfährt. Dabei seien neben militärischer Stärke für die Erreichung einer „absoluten Sicherheit“ auch kluge politische Bemühungen erforderlich, die er aktuell aber nicht erkennen könne.
Politische Bemühungen begännen für Stein derzeit allerdings weit weg vor einem Friedensvertrag. Das gegenseitige Vertrauen sei auf einem Tiefpunkt. Deshalb spricht er lieber von „Zwischenzielen“. Geschichte bewahrt ihn dabei vor Fatalismus. Wer hätte nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 erwartet, dass Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat vier Jahre später nach Jerusalem reisen würde? Es folgte der Friedensvertrag mit Ägypten, später jener mit Jordanien: „Die Hoffnung stirbt als Letzte“, sagt Stein. Das bedeute nicht, so wurde in dieser Podcast-Folge deutlich, Frieden herbeizureden. Es bedeute zunächst, seine Voraussetzungen nicht endgültig zu zerstören. Reidegeld nennt es „Frieden auf Vorrat“ schaffen. Deshalb stellt Stein die Frage, die Israel nach seiner Auffassung zu lange verdrängt: „Was wollen wir? Wohin gehen wir?“ Der Konflikt mit den Palästinensern sei für ihn eine existenzielle Frage für Israel selbst. Ein vermeintlicher Status quo bleibe nicht stehen: Siedlungsbau und mögliche Annexionen schafften Tatsachen und könnten die Aussichten auf eine spätere politische Lösung weiter verringern. Auch Europa nimmt Stein deshalb in die Pflicht. Der Nahe Osten dürfe nicht zu einem hoffnungslosen Fall erklärt werden, mit dem man sich mit beschäftige, „wenn es brennt“. Stabilität in Europa und im Nahen Osten seien miteinander verbunden und lägen im gegenseitigen Interesse.
Steins Vorstellung von Frieden ist damit frei von Pathos. Zwei traumatisierte Gesellschaften müssen ihre Erinnerung nicht ablegen. Aber sie müssten irgendwann in einem ersten Schritt fähig werden, neben der eigenen Verwundung auch die des anderen wahrzunehmen. Friedenspolitik bedeute deswegen unter den gegenwärtigen Bedingungen zunächst, die Tür für diesen Moment offenzuhalten.
Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe. Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter
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