Reidegeld und Speker-Underbrink werfen den Blick auf die Frage, warum der Iran ausgerechnet jetzt angegriffen worden ist und stoßen dabei auf widersprüchliche Aussagen in den vergangenen Wochen – von denen aber keine wirklich überzeugen könne. Zugleich sei der Einsatz keineswegs spontan erfolgt. „Zwei Flugzeugträger inklusive ihrer unterstützenden Gefolgschaft sind vor Ort. Das ist keine spontane Aktion“, macht Speker-Underbrink deutlich. Die Operation sei vorbereitet worden, lange bevor von akuter Eskalation gesprochen wurde.
Völkerrechtlich, so die Einschätzung im Podcast, sei die Schwelle für einen Präventivschlag hoch. Erforderlich sei eine „unmittelbar bevorstehende, konkrete und umfassende Bedrohung“. Eine solche Lage sei bislang nicht erkennbar. Hinzu komme das Kriterium der Uneigennützigkeit. Wer militärisch eingreife, dürfe keine eigennützigen Motive verfolgen. Angesichts der politischen Konstellation in Washington und Jerusalem bestünden daran Zweifel. Die wechselnden Argumentationen untergrüben die Glaubwürdigkeit eines „gerechten Grundes“ im Sinne des Völkerrechts. Gleichwohl wird die destabilisierende Rolle Teherans in der Region und das inakzeptable Ziel der Auslöschung Israels ausdrücklich festgestellt. Doch auch das ersetze nicht die völkerrechtliche Prüfung des konkreten Falls und einer erkennbar direkt bevorstehenden Bedrohung – sonst würde man zustimmen, dass hier „der Zweck die Mittel heilige“.
„Wenn wir das zum Kriterium machen, die Welt von Diktatoren zu befreien, die Welt von Leuten zu befreien, die die Menschenrechte nicht achten und Menschen unterdrücken, dann können wir noch in ganz viele Länder dieser Welt militärisch intervenieren“, denkt Reidegeld das Argument zu Ende. Die Liste entsprechender Staaten sei lang. Und dann stelle sich die Frage: „Wer entscheidet gerade, wo eingegriffen wird und was sind die Kriterien? Sind die Kriterien dann tatsächlich der Grad an Bedrohung oder an Menschenrechtsverletzungen? Oder sind es letztlich doch eigene staatliche Interessen?“, fragt Speker-Underbrink. Er befürchtet, dass „das Völkerrecht ersetzt wird durch Individualentscheidungen von Staaten, die es entscheiden können, weil sie die Macht haben“. Man bewege sich dann auf ein System zu, „bei dem der Stärkste entscheidet, wo es langgeht“. Dass dieser Stärkste den eigenen Werten aktuell eher näherstehe, sei allerdings „kein Ruhekissen“. Die Bilanz der Diskussion fällt zurückhaltend aus. Der mögliche Sturz eines repressiven Regimes sei ein legitimes Ziel. Doch: „Der Preis, der dafür gezahlt wird, wenn wir das Völkerrecht so einfach abräumen, ist sehr hoch und sollte allen bewusst sein.“
Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Im Format „entre nous“ besprechen Speker-Underbrink und Reidegeld aktuelle Themen zu zweit. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe.
Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter
Zur aktuellen Folge auf YouTube: https://youtu.be/KJIsDbtovH4
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