Heinemann-Grüder unterschied zunächst zwischen einem minimalistischen, primär durch Wahlwettbewerb definierten US-amerikanischen Demokratieverständnis und einem maximalistischen, kontinentaleuropäischen Modell. Letzteres setzt stabile Institutionen, effektive Teilhabe, Minderheitenschutz und soziale Gerechtigkeit voraus. Die aktuelle Krise der Demokratie identifizierte er als eine tiefgreifende Modernisierungs- und Infrastrukturkrise. Ein zentraler Treiber ist die weltweit drastisch wachsende Einkommensungleichheit. Wer keine Ressourcen besitzt, verliert die Fähigkeit zur politischen Teilhabe, wodurch sich das Prekariat zunehmend vom System abwendet. Zudem erodiert die traditionelle Voraussetzung des homogenen Nationalstaates durch die Entwicklung hin zu multikulturellen Gesellschaften, was die Definition des demokratischen Souveräns erschwert.
Ein weiteres globales Phänomen ist die Politisierung von Religionen sowie eine zunehmende Überregulierung, die das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik schwächt. In der anschließenden Diskussion betonte der Referent die Gefahren von Desinformation und Fake News, forderte eine stärkere Regulierung von Medienkonzernen im EU-Raum und mahnte wissenschaftliche Qualitätsstandards in den sozialen Netzwerken an. Einem Parteiverbot der AfD erteilte er eine Absage, da dies die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Probleme nicht löse, sondern zu einer weiteren Radikalisierung im Untergrund führen würde.
Trotz der globalen Rückschritte verwies der Konfliktforscher auf die systemischen Sollbruchstellen von Autokratien, wie immense Kosten für Repression und Loyalitätsmanagement. Um die demokratische Resilienz zu stärken, forderte Heinemann-Grüder eine harte argumentative Auseinandersetzung mit politischen Gegnern. Demokratien dürften sich nicht über moralisierende Identitätspolitik spalten, sondern müssten durch Leistung, soziale Aufstiegsversprechen und eine klare, zukunftsorientierte Vision überzeugen, um die Bevölkerung erfolgreich zu mobilisieren.
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