Guntram Dörr, Chefredakteur der Grafschafter Nachrichten, widersprach der verbreiteten Diagnose, wonach politische Konflikte heute außergewöhnlich scharf geführt würden. Härter gestritten worden sei auch früher – man denke an Strauß oder Wehner –, allerdings „Auge in Auge“. Heute entstehe Streit häufig indirekt, über soziale Medien, zugespitzte Schlagzeilen und bewusst kalkulierte Empörungsimpulse. Das Problem sei weniger der Dissens als dessen Form: Wer nur noch Positionen markiere, statt Argumente auszutauschen, verliere das gemeinsame Fundament. „Streit ist etwas Gutes, wenn man es kann“, sagte Dörr – und deutete damit auf eine demokratische Kompetenz, die neu gelernt werden müsse.
Für die Medien bedeute das einen Balanceakt. Einerseits zwinge die digitale Logik zur Zuspitzung: Aufmerksamkeit werde im Smartphone-Format gewonnen, nicht im langen Abwägen. Andererseits zeigten Nutzungsdaten im Lokalen, dass Leser sehr wohl differenzierte, konstruktive Inhalte schätzten – Porträts, wirtschaftliche Entwicklungen, Berichte über bürgerschaftliches Engagement. Reiner „Krawall“ schade einer Lokalzeitung eher, als dass er ihr nütze. Gleichwohl räumte Dörr ein, dass der überregionale Journalismus in den vergangenen Jahren zu häufig in Verkürzungen und Dramatisierungen verfallen sei. Die Beschleunigung des Nachrichtenbetriebs habe Besonnenheit nicht gestärkt.
Über die klassische Rolle des neutral berichtenden Chronisten hinaus sieht Dörr den Journalismus heute stärker gefordert: Information allein genüge nicht mehr. In einer auseinanderdriftenden Gesellschaft müssten Medien häufiger einordnen, Zusammenhänge erklären und – wo möglich – Lösungswege sichtbar machen. Das bleibe umstritten, weil jede Einordnung als Parteinahme missverstanden werden könne. Doch wer sich auf reine Faktensammlung zurückziehe, überlasse Deutungsräume jenen, die sie strategisch bespielen.
Anlass für diese grundsätzliche Debatte war eine Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Bad Bentheim/Gildehaus im katholischen Pfarrheim St. Johannes der Täufer. Unter dem Titel „Streit und öffentliche Meinung – Die Rolle der Medien in der Demokratie“ moderierte Marcel Speker, Direktor des Ludwig-Windthorst-Hauses in Lingen, das Gespräch. Immer wieder meldete sich das Publikum mit Fragen nach Neutralität, Einflussnahme, „veröffentlichter“ versus „öffentlicher“ Meinung und der Dominanz negativer Nachrichten. Dörr wies pauschale Vorwürfe politischer Steuerung zurück, räumte jedoch ein, dass sich auch Journalisten der Gefahr einer „Schere im Kopf“ stellen müssten.
Am Ende blieb weniger eine Verteidigung des Status quo als ein Appell: Demokratie braucht Streit – aber sie braucht ebenso Medien, die ihn nicht nur abbilden, sondern zivilisieren. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur härtesten Währung geworden ist, ist das womöglich ihre anspruchsvollste Aufgabe.
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