Vor diesem Hintergrund wirkt das erneute Reden über Einflusssphären weniger überraschend. Die Wiederkehr dieses Denkens markiert, so die Diagnose der Hosts, den Kern dessen, was sie „Realpolitik 3.0“ nennen. Die Welt wird erneut in relevante und nachrangige Räume eingeteilt. In manchen Regionen gilt das Völkerrecht als verbindlich, in anderen als verhandelbar. Stabilität zählt mehr als Gerechtigkeit, Ordnung mehr als Leben.
Henry Kissinger steht dabei als Chiffre. Seine Lehre von der „Balance of Power“ reduzierte internationale Politik auf das Management von Machtverhältnissen. Frieden war kein moralisches Ziel, sondern das Ergebnis eines stabilen Gleichgewichts. Dass dabei Opfer entstehen, galt als tragischer, aber akzeptierter Preis. Dieses Denken, lange als Relikt des Kalten Krieges betrachtet, erscheint heute wieder erstaunlich anschlussfähig.
Aus dieser Analyse folgt kein Rückzug in Neutralität. Die Hosts plädieren vielmehr für einen Doppelweg: Europa – genauer: die europäischen Staaten – müssen wehrhafter werden, um nicht selbst in eine neue Abhängigkeit zu geraten. Aber diese Stärke darf nicht dazu dienen, koloniale Muster zu reproduzieren. Stattdessen brauche es eine aktive Koalition von Staaten, die eine regelbasierte Ordnung verteidigt – auch gegen mächtige Akteure. Diese Koalition könne nicht allein auf die EU setzen, die institutionell oft blockiert ist, sondern müsse politisch handlungsfähig sein und Partner jenseits Europas einbeziehen.
Am Ende verschiebt sich der Blick nach innen. Außenpolitische Glaubwürdigkeit entsteht aus gesellschaftlicher Stärke. Wer international für Regeln eintreten will, muss zu Hause handlungsfähig sein: bessere Bildung, funktionierende Verwaltung, politische Beteiligung, Innovationskraft. Eine Gesellschaft, die sich in Klage und Angst einrichtet, wird zur Kolonie – nicht militärisch, sondern politisch und ökonomisch. So schließt sich der Kreis zur kolonialen Ausgangsdiagnose: Kolonialismus beginnt nicht erst mit fremden Truppen, sondern mit struktureller Schwäche. Realpolitik 3.0 verspricht Ordnung durch Härte. Der Podcast hält dagegen: Dauerhafte Ordnung entsteht nur dort, wo Macht begrenzt, legitimiert und auf ein gerechtes Ziel verpflichtet wird.
Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Im Format „entre nous“ besprechen Speker und Reidegeld aktuelle Themen zu zweit. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast rund 200.000 Aufrufe.
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