Dekorative grüne Flächen

Meinungsfreiheit braucht Spielregeln, Rollenklarheit und einen Wertekompass

Meinungsfreiheit braucht faire digitale Spielregeln, journalistische Rollenklarheit und einen neuen gesellschaftlichen Wertekompass. Zu diesem Befund kommen der stellvertretende Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg (ithf), Dr. Jochen Reidegeld und der Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie des Bistum Osnabrück, Marcel Speker, in der die aktuellen Folge des Podcasts Friedensreiter.

Ausgangspunkt ist die Debatte um Äußerungen von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther zur Rolle bestimmter Medien und sozialer Netzwerke. Seine Kritik wurde als Angriff auf die Meinungsfreiheit gelesen. Der Podcast widerspricht dieser Deutung entschieden: Meinungsfreiheit ist kein Freibrief für bewusste Falschbehauptungen – und schon gar nicht für deren massenhafte algorithmische Verstärkung.

Das eigentliche Problem: Algorithmen statt Argumente

Die Diskussion identifiziert die Ursache der gesellschaftlichen Polarisierung nicht primär in extremen Meinungen, sondern in den Strukturen ihrer Verbreitung. Soziale Medien begünstigen systematisch Zuspitzung, Empörung und Vereinfachung, weil genau das ökonomisch erfolgreich ist. Wahrheit und Differenzierung verlieren in diesem Modell an Reichweite.

Die Konsequenz daraus ist klar und politisch relevant: Reguliert werden sollten nicht Inhalte, sondern Algorithmen. Ziel wäre keine Zensur, sondern Chancengleichheit im digitalen Diskurs – damit leise, faktenbasierte Stimmen nicht strukturell unterliegen.

Keine Gesinnungspolizei, sondern Verantwortung

Zugleich warnt der Podcast vor einer falschen Antwort auf das Problem. Gesellschaftlicher oder medialer Konformitätsdruck habe in der Vergangenheit selbst zur Entfremdung beigetragen. Begriffe wie „Haltungsjournalismus“ stünden für einen Verlust an Rollenklarheit, der Vertrauen zerstöre und den Vorwurf eingeschränkter Meinungsfreiheit befördere.

Die Lösung liege daher weder in Verboten noch in moralischer Überhöhung, sondern in einer Rückbesinnung auf journalistische und gesellschaftliche Verantwortung: klare Trennung von Nachricht und Kommentar, Transparenz über Perspektiven – und die Bereitschaft, auch geschmacklose, aber legale Meinungen auszuhalten.

Freiheit braucht ein Wertefundament

Am Ende läuft die Analyse auf eine unbequeme Einsicht hinaus: Gesetze allein stellen keinen demokratischen Diskurs her. Meinungsfreiheit funktioniert nur, wenn sie von einem gesellschaftlichen Konsens über Verantwortung getragen wird. Dieser Konsens lasse sich nicht verordnen, sondern müsse neu ausgehandelt werden – durch Bildung, durch faire digitale Spielregeln und durch Medien, die Vertrauen nicht verspielen.

Zum Podcast: www.linktr.ee/friedensreiter 

Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker. 

Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Im Format „entre nous“ besprechen Speker und Reidegeld aktuelle Themen zu zweit. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast rund 250.000 Aufrufe.

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