Wir sprachen mit Debbie Stoll über Menschenwürde, kulturelle Prägungen und die Herausforderungen eines konstruktiven Umgangs mit Vielfalt.
Frage: Welche Inhalte möchten Sie in Ihren Seminaren besonders vermitteln?
Debbie Stoll: Wir alle betrachten die Welt durch bestimmte kulturelle Filter. Ob wir Schweinefleisch essen oder nicht, ob wir Frauen die Hand geben oder nicht – solche Verhaltensweisen sind wesentlich durch unsere Sozialisation geprägt. Mir ist wichtig, dass wir uns dieser Prägungen bewusst werden und lernen, hinter die kulturellen Unterschiede zu schauen…
Frage: …und die eigene Vorfestlegung dann zu revidieren?
Stoll: Es geht mir nicht unbedingt darum, die eigenen Überzeugungen infrage zu stellen oder zu bewerten. Zunächst sollten wir verstehen, warum wir so denken und handeln, wie wir es tun. Und wir sollten erkennen, dass Menschen, die in einem anderen kulturellen Umfeld aufgewachsen sind, andere Sichtweisen und Verhaltensweisen entwickelt haben.
Frage: Was bedeutet das konkret für den Umgang miteinander?
Stoll: Nehmen wir das Beispiel eines Mannes, der einer Frau nicht die Hand gibt. Das kann irritieren oder als Zurückweisung empfunden werden. Wenn wir aber versuchen, hinter dieses Verhalten zu schauen, erkennen wir möglicherweise ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: Dieser Mann gehört einer Gemeinschaft an, in der bestimmte Regeln gelten. Indem er diese Regeln befolgt, bringt er seine Verbundenheit mit dieser Gemeinschaft zum Ausdruck.
Frage: Also müssen wir uns mit diesem Verhalten dann arrangieren?
Stoll: Wir müssen keinesfalls jedes Verhalten gutheißen. Gerade bei Fragen der Gleichberechtigung können kulturelle Vorstellungen miteinander in Konflikt geraten. Aber wir sollten auch dann versuchen, den anderen Menschen in seiner Würde zu sehen.
Frage: Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren zu diesem Thema. Haben Sie in den vergangenen Jahren einen Wandel in der Einstellung der Menschen, mit denen Sie in Ihren Kursen arbeiten, erlebt?
Stoll: Ja, durchaus. Ich bin sehr häufig an Schulen unterwegs und führe unter anderem Demokratieworkshops im Auftrag des niedersächsischen Staatsschutzes durch. Dabei beobachte ich bei vielen jungen Menschen eine bemerkenswerte Offenheit und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Vielfalt. Sie begegnen Unterschieden häufig mit großer Flexibilität und Gelassenheit. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr ermutigt. Natürlich gibt es gleichzeitig politische Strömungen, die gerade auch unter jungen Menschen Zuspruch finden und eine andere Haltung gegenüber Vielfalt vertreten. Aber ich sehe eben auch eine starke Gegenbewegung von vielen demokratisch engagierten Menschen, die sich ernsthaft fragen, wie wir Diversität konstruktiv gestalten können. Sie sind bereit, sich selbst weiterzuentwickeln, andere Perspektiven zu verstehen und ihren Beitrag zu einem respektvollen Zusammenleben zu leisten.
Frage: Gleichzeitig erleben wir in Deutschland einen steigenden Zulauf bei rechtsextremen Positionen und Parteien – wissenschaftlich belegt unter anderem auch durch die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Erreichen Sie mit Ihren Angeboten vor allem Menschen, die ohnehin schon offen für Vielfalt sind? Oder anders gefragt: Machen Sie in Ihren Workshops nicht einfach nur den Papst noch katholischer?
Stoll: Die gesellschaftliche Stimmung nehme ich durchaus wahr – ich bin aber davon überzeugt, dass ich diesen Menschen ein anderes Angebot machen muss. Denn es gibt Menschen, die mit Vielfalt und Uneindeutigkeit leichter umgehen können als andere. Manche empfinden gesellschaftliche Veränderungen und kulturelle Unterschiede tatsächlich als Bedrohung – und das berührt mich sehr. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und unterschiedlichen Sichtweisen umzugehen. Diese Fähigkeit ist bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Wer Schwierigkeiten hat, Neues oder Ungewohntes einzuordnen, kann gesellschaftliche Vielfalt als besonders belastend erleben. Für Menschen, die solche Ängste oder Vorbehalte haben, würde ich deshalb ein anderes Bildungsangebot entwickeln.
Frage: Wie könnte ein solches Angebot aussehen?
Stoll: Ich würde vor allem auf persönliche Begegnungen setzen. Menschen sollten die Gelegenheit bekommen, mit denjenigen in Kontakt zu treten, gegenüber denen sie Vorbehalte oder Ängste haben. Persönliche Begegnungen können helfen, gegenseitige Wahrnehmungen zu verändern und Menschen jenseits von Zuschreibungen kennenzulernen.
Frage: Und welche Zielgruppe sprechen Sie mit Ihrem Angebot im Ludwig-Windthorst-Haus an?
Stoll: Hier geht es tatsächlich eher darum, Menschen zu stärken, die bereits eine offene und menschenrechtsorientierte Haltung mitbringen. Insofern könnte man sagen: Ja, ich mache den Papst noch katholischer. Aber dafür gibt es einen guten Grund. Es ist heute schwieriger geworden, die Rolle eines Friedenstifters einzunehmen. Wer sich für Verständigung und einen respektvollen Umgang mit Vielfalt einsetzt, muss mit Kritik rechnen und gerät mitunter selbst an persönliche Grenzen. Dabei stellen sich auch schwierige Fragen: Was kann ich akzeptieren? Wo muss ich Grenzen ziehen? Wie bleibe ich im Gespräch, wenn mich das Verhalten meines Gegenübers herausfordert? Menschen, die sich diesen Herausforderungen stellen, brauchen Unterstützung. Ich möchte sie in ihrer Haltung bestärken und ihnen helfen, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.
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