Erasmus+, das EU-Programm für Bildung, Jugend und Sport, ermöglicht Lehrkräften durch Fortbildungen, Job-Shadowing und Austausch im europäischen Ausland, ihre pädagogischen Kompetenzen zu erweitern und internationale Perspektiven in ihre Schulen zu tragen. Die Lernaktivität in Hamina bot den niedersächsischen Lehrkräften die Möglichkeit, ein Schulsystem kennenzulernen, das international für seine Qualität und Chancengerechtigkeit bekannt ist.
Unterricht bei arktischen Temperaturen – Draußen sein gehört dazu
Eine der ersten Überraschungen für die deutschen Gäste: Bei minus 23 Grad findet der Unterricht ganz normal statt. Auch in den Pausen sind die Kinder selbstverständlich draußen – bei jedem Wetter. Wenn die Temperaturen nicht mehr unter minus 20 Grad sind, findet auch der Sportunterricht wieder draußen statt – beim Langlauffahren oder Schlittschuhlaufen.. Selbst die Kleinsten in der Vorschule gehen zum Rodeln nach draußen.
Umso beeindruckender war diese Erfahrung für die niedersächsischen Lehrkräfte, als sie bedachten, dass in Niedersachsen in diesem Winter bereits mehrere Tage kein Unterricht stattfinden konnte – aufgrund deutlich milderer Witterungsbedingungen. Der Kontrast zwischen dem selbstverständlichen Schulbetrieb bei minus 23 Grad in Finnland und den Schulausfällen in Deutschland regte zu intensiven Diskussionen über Infrastruktur und Ausstattung.
Ruhe, Struktur und durchdachte Lernräume
Besonders auffällig war die Atmosphäre in den finnischen Schulen: Der Unterricht ist durch Ruhe und Struktur geprägt. Die Raumakustik und die durchdachten Schulräume sind sehr auf das Wohlfühlen von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften ausgerichtet. Große Fenster, helle Räume und flexible Sitzgelegenheiten schaffen eine Lernumgebung, die zum konzentrierten Arbeiten einlädt.
Ein Schulleiter aus Niedersachsen berichtete: „Die Räume sind so gestaltet, dass man sich einfach wohlfühlen muss. Die Akustik ist hervorragend, es gibt Rückzugsmöglichkeiten für ruhiges Arbeiten und gleichzeitig Platz für Gruppenarbeit. Das ist Schularchitektur, die Pädagogik ernst nimmt."
Bildungsgerechtigkeit durch finanzielle Ausstattung
Besonders beeindruckt zeigten sich die Teilnehmenden von der finanziellen Ausstattung der Schulen, die soziale Ungerechtigkeiten minimiert. Jedes Kind bekommt eine warme Mahlzeit – kostenlos. In der Grundschule wird das Mittagessen bereits um 10:30 Uhr serviert, wenn die Kinder anschließend Schulschluss haben. Alle Schulmaterialien werden von der Schule gestellt: Stifte, Papier und Material für kreative Arbeiten – kein Kind muss etwas von zu Hause mitbringen.
Eine Grundschullehrerin fasste zusammen: „Hier wird Chancengleichheit wirklich gelebt. Ob ein Kind aus einer wohlhabenden oder einer ärmeren Familie kommt, spielt im Schulalltag keine Rolle. Alle haben das gleiche Material, alle bekommen warmes Essen. Das nimmt einen enormen Druck von Familien und Kindern."
Bedeutung der Ganztagsbetreuung
Finnland hat traditionell keine Ganztagsschulen – die Kinder gehen vormittags zur Schule und haben nachmittags frei. Dabei arbeiten finnische Eltern schon seit jeher Vollzeit, beide Elternteile sind berufstätig. Was sich jedoch verändert hat, ist die Kindheit selbst: Während Kinder früher nachmittags selbstständig draußen spielten, mit Freunden unterwegs waren oder zu Hause eigenen Aktivitäten nachgingen, hat sich dies gewandelt. Daher findet auch in Finnland immer mehr organisierte Betreuung am Nachmittag statt – nicht primär, weil die Eltern arbeiten, sondern weil sich die Lebenswelt der Kinder verändert hat und eine Notwendigkeit gesehen wird.
Erasmus+ schafft nachhaltige Partnerschaften
Judith Hilmes, die die Lernaktivität vom Ludwig-Windthorst-Haus aus koordinierte, zeigte sich besonders begeistert von den entstandenen Verbindungen: „Ich finde es toll, dass durch das Hospitieren so intensive Beziehungen zu den finnischen Lehrkräften entstanden sind. Einige Teilnehmende denken bereits über die Fortführung der Kooperation nach – vielleicht kommt es sogar zu einer gemeinsamen Lernaktivität mit deutschen und finnischen Schüler*innen. Das ist für mich Erasmus+: Neben dem Blick über den eigenen Tellerrand entstehen über den beruflichen Austausch feste Beziehungen und Freundschaften, die weit über die Lernaktivität hinausgehen."
Nachhaltige Impulse für die schulische Praxis
Die Erasmus+ Lernaktivität in Hamina bot den niedersächsischen Lehrkräften und Schulleitungen wertvolle Einblicke in ein Bildungssystem, das konsequent auf Chancengleichheit, Wohlfühlatmosphäre und die Verbindung von Lernen mit Bewegung in der Natur setzt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem finnischen Schulalltag – von der durchdachten Raumgestaltung über die kostenlose Vollausstattung bis hin zum selbstverständlichen Aufenthalt im Freien auch bei arktischen Temperaturen – regte zum Nachdenken über die eigene Schulpraxis an.
Mit diesem Angebot leistet das Ludwig-Windthorst-Haus als Kompetenzzentrum für Lehrkräftefortbildung einen wichtigen Beitrag zur zukunftsfähigen Entwicklung von Schule, indem es Lehrkräften ermöglicht, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und von internationalen Best-Practice-Beispielen zu lernen.
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