Das ist für mich die wichtigste Botschaft aus dem absolut lesens- und empfehlenswerten Buch „Die Allianz der neuen Rechten“ der beiden USA-Kennerinnen und Korrespondentinnen, Annett Meiritz und Juliane Schäuble. Mit Schäuble hatten wir dieses Thema übrigens bereits vor Erscheinen des Buchs in unserem Podcast „Friedensreiter“ besprochen.
Populismus als Gegenbewegung – und als System
Das Buch versteht die Neue Rechte als Gegenbewegung zur radikalen Globalisierung der letzten 10 bis 20 Jahre. Alles, was verspricht, diese Entwicklung zurückzudrehen, verfängt: nationale Souveränität, Protektionismus, kulturelle Selbstbehauptung – bis hin zu symbolpolitischen Auseinandersetzungen um Sprache, Gendern oder Identitätsfragen. Entscheidend ist dabei weniger inhaltliche Kohärenz als emotionale Anschlussfähigkeit.
Plutopopulismus: Der Rechtsruck aus der Mitte
Bedenklich: Der Rechtsruck auf beiden Seiten des Atlantiks, sowohl bei MAGA in den USA als auch bei der AfD in Deutschland und anderen europäischen Staaten, ist mittlerweile wirtschaftlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich erinnere mich an die Warnung eines Professors in meinem Politikwissenschafts-Studium vor vielen Jahren, wonach revolutionäre Bestrebungen dann für das bestehende System gefährlich werden, wenn sie die gesellschaftliche Mitte emotional erreichen. Das ist hier mittlerweile der Fall, wie Schäuble und Meiritz deutlich machen: Die ideologischen Fronten verlaufen nicht mehr zwischen „abgehängt“ und „wohlhabend“. Unternehmer, Tech-Eliten, Investoren und vermögende Milieus sind integraler Bestandteil dieser Bewegungen.
Die transatlantische Allianz: MAGA und AfD
Besonders beunruhigend ist die detailliert beschriebene Vernetzung zwischen MAGA und ihrer europäischer Parteienfamilie - mittlerweile auch offen bestätigt in der nationalen Sicherheitsstrategie. Das Buch zeigt, dass Trumps Wahlsieg den Durchbruch markierte: Die alten Republikaner als Partner einer bürgerlich-konservativen Mitte existieren faktisch nicht mehr. Stattdessen öffnete sich das Tor für eine ideologische und strategische Annäherung der neuen Rechten beiderseits des Atlantiks.
Meiritz und Schäuble zeigen detailliert auf, wie eng diese Allianz inzwischen inhaltlich verzahnt ist – etwa bei Themen wie Meinungsfreiheit, Plattformregulierung, Europakritik, Bevölkerungsreproduktion und NATO-Lastenteilung. Die AfD fungiert dabei als dankbarer Partner im Geiste: Zensurvorwürfe, Kritik an Hate-Speech-Gesetzen und Angriffe auf europäische Institutionen bilden eine gemeinsame argumentative Klammer.
Kulturkampf als Klammer: Familie, Reproduktion, Moral
Ein besonders aufschlussreicher Teil des Buches ist die Analyse der gesellschaftspolitischen Dimension der Neuen Rechten. Fragen von Abtreibung, LGBTQ-Rechten, Transgender-Politik und Familienbildern werden nicht isoliert verhandelt, sondern als zusammenhängendes moralisches Projekt.
Die Ausführungen zum „selektiven Pronatalismus“ – etwa im Umfeld von Tech-Eliten, Heritage Foundation und Akteuren wie Elon Musk – zeigen, dass es nicht um „mehr Kinder“, sondern um „bessere Kinder“ geht: gesünder, intelligenter, optimierter. Reproduktion wird zur geopolitischen Ressource, unterstützt durch KI, genetische Selektion und neue Fortpflanzungstechnologien. Hier verschränken sich rechte Ideologie, technologische Machbarkeit und elitäres Denken auf gefährliche Weise.
Wenn Trump oder europäische Vertreter der Neuen Rechten vom „goldenen Zeitalter“ sprechen, so meinten sie eine Gesellschaftsordnung, in der Frauen primär Mütter sind – selbst wenn dies rhetorisch modernisiert und scheinbar mit Berufstätigkeit kompatibel gemacht wird.
Das Versagen der demokratischen Gegenkräfte
Ein roter Faden des Buches ist das strategische Versagen der demokratischen Verteidiger. Man erkennt schnell, wie schlecht liberale Demokratien auf das beschriebene Angriffsszenario vorbereitet sind. Hoher moralischer Anspruch trifft auf politischen Pragmatismus – bis hin zur stillschweigenden Aufgabe eigener Werte durch die „neue Rechte“, ohne diesen offensichtlichen Widerspruch allerdings einzuräumen. Der Begriff „Fake News“ wird zum Symptom einer Politik, die ihre normativen Grundlagen nicht mehr konsistent verteidigen kann.
Wie wird es “ausgehen”?
So logisch, kenntnisreich und eindringlich das Buch den Status Quo beschreibt, so sehr sehe ich den in Kapitel 10 skizzierten Ausweg aus diesen Herausforderungen skeptisch: „Macht ihnen die Hölle heiß!- Widerstand ist nicht zwecklos.“ ist ein für meine Begriffe viel zu martialischer Ansatz, der fälschlicherweise den hingeworfenen Fehdehandschuh aufhebt und in den bestehenden Strukturen nach einem Ausweg sucht, statt sich neuen, revolutionäreren und zeitgemäßen Antworten zuzuwenden.
Was meine ich damit? - Es muss, glaube ich, um ein Miteinander, um ein Ernstnehmen berechtigter Punkte und einen einigenden Weg nach vorne gehen, statt um ein einen (Kultur-)Kampf, der nur Sieger und Verlierer kennt. Das Kapitel redet der weiteren gesellschaftlichen Spaltung das Wort: Die gegen wir. Gut gegen Böse. Politik verlaufe in Wellen und irgendwann müssten doch die Demokraten wieder übernehmen. Aber wenn das so ist, dann bleibt es jederzeit existenziell: Es kann nur einer gewinnen, der andere muss verlieren, vielleicht sogar vernichtet, jedenfalls unschädlich gemacht werden. Doch so eindimensional ist es nicht - das hat das Buch in den neun Kapiteln zuvor auch exzellent herausgearbeitet - und geht diesen mehrdimensionalen Schritt ausgerechnet im letzten Kapitel nicht konsequent weiter.
Was bedeutet das mit Blick auf eine Lösung, eine Option - einen Lichtblick? - Nun, vielleicht muss man sich gedanklich von den „alten“ politischen Mustern lösen. So, wie sich auch das französische Parteiensystem selbst schneller reformiert hat, als manche realisiert haben: weniger klassische Parteien, mehr punktuelle Bewegungen - ganz im Sinne der Generation Z, die sich themenbezogen und nicht mehr strukturell einbringen möchte. Und mehr Zuhören, Zugestehen, Kompromisse finden, statt in absolutistischen Dimensionen zu denken.
Ist das naiv? - Vielleicht. Aber nicht naiver, als die Mutmaßung, wenn Trump gehe, könnte der entscheidende Schlussstein aus dem MAGA-Konstrukt herausbrechen und damit das Ende der Bewegung bedeuten. Wenn es eine Lehre aus dem Buch gibt, dann die: Es reicht nicht mehr aus, auf der richtigen Seite zu stehen. Man muss strategisch und konsequent für die eigene Sache einstehen, eine Bewegung erschaffen und am Laufenden halten. Wer keine Bewegung aufbaut, wird von Bewegungen überrollt. Populismus ist gekommen, um zu bleiben – die Frage ist nur, ob liberale Demokratien lernen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, ohne selbst ihre Grundlagen preiszugeben.
Autor der Buchbesprechung:
LWH-Direktor Marcel Speker
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