Antisemitismus, so Robert, sei weder eine Erfindung des 19. Jahrhunderts noch ausschließlich ein christliches Phänomen. Zwar habe die zunehmende Distanzierung des Christentums vom Judentum seit der Spätantike und im Mittelalter zu einer Verschärfung der Polemik bis hin zu offenem Hass geführt – begleitet von Vertreibungen, Pogromen und Ritualmordlegenden. Doch judenfeindliche Narrative seien älter. Als eines der frühesten schriftlichen Zeugnisse nannte Robert das Buch Esther, in dem Juden als staatsgefährdend, illoyal und fremd beschrieben werden – Stereotype, die bis heute wiederkehren.
Noch früher verortete er zentrale Wurzeln des Antisemitismus im antiken Ägypten, wo es bereits vorchristliche Pogrome gab. Juden gerieten dort zwischen die Interessen von Griechen, Römern und Ägyptern – ein frühes Beispiel dafür, wie politische Machtkämpfe Antijudaismus instrumentalisierten. Im Mittelalter verschränkten sich staatliche und religiöse Macht besonders eng. Juden galten als „Eigentum“ der Herrscher, wurden wirtschaftlich genutzt und bei Bedarf verfolgt oder vertrieben. Hinter diesen Mechanismen stehe, so Robert, ein zentrales Motiv des Antisemitismus: Angst. Anders als bei der Ablehnung anderer Gruppen richte sich Judenfeindschaft nicht aus einer Position vermeintlicher Überlegenheit, sondern aus der Furcht vor einer als mächtig und gefährlich imaginierten Minderheit.
Mit der Aufklärung verschoben sich die Akzente. Religiöse Argumente verloren an Bedeutung, stattdessen trat die Forderung nach Assimilation in den Vordergrund. Juden sollten gleiche Rechte erhalten – jedoch um den Preis des Identitätsverlustes. Diese Zumutung sei im 19. Jahrhundert auch von jüdischer Seite zurückgewiesen worden und habe unter anderem zur Entstehung des Zionismus beigetragen, zunächst weniger als Reaktion auf Verfolgung denn als Versuch der Selbstbehauptung.
Robert unterschied mehrere klassische Erscheinungsformen: den religiösen Antisemitismus (etwa die Ritualmordlegende), den ökonomischen (Vorwurf der Ausbeutung), den politischen (Verschwörungsmythen wie die „Protokolle der Weisen von Zion“), den nationalistischen (Zweifel an der Loyalität jüdischer Bürger) und den rassistischen Antisemitismus, der im Nationalsozialismus kulminierte. Nach 1945 sei ein „sekundärer“ Antisemitismus hinzugekommen – eine Schuldabwehr, die Juden eine Mitverantwortung für ihre Verfolgung zuschreibt oder das Gedenken an den Holocaust als Belastung diffamiert. Auch scheinbar positive Zuschreibungen, der sogenannte Philosemitismus, seien problematisch, da sie Juden erneut homogenisierten und verklärt darstellten.
Besonders intensiv diskutiert wurde der israelbezogene Antisemitismus. Robert machte deutlich, wie umstritten die Grenzziehung ist: Wann wird Kritik an der Politik Israels antisemitisch, wann bleibt sie legitim? Die von der Bundesregierung übernommene Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) biete eine Arbeitsgrundlage, sei jedoch politisch umkämpft und wegen ihrer Israel-Bezüge stark kritisiert. Alternative Ansätze wie die Jerusalemer Erklärung versuchten, diese Konfliktfelder zu entschärfen.
In der lebhaften Diskussion wurde deutlich, wie schnell jüdische Menschen kollektiv für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden – ein Muster, das Robert klar als antisemitisch bezeichnete. Zugleich zeigte der Abend, dass Unsicherheit und Uneinigkeit über Begriffe und Grenzen weit verbreitet sind. Zum Abschluss warnte Robert vor den „schleichenden“ Formen des Antisemitismus, die sich leise normalisieren und in die gesellschaftliche Mitte vordringen. Offener Hass sei leichter zu erkennen – gefährlicher aber seien subtile Wahrnehmungen, Pauschalisierungen und Schuldzuweisungen. Der Kaminabend im Ludwig-Windthorst-Haus machte deutlich: Antisemitismus ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern eine Herausforderung der Gegenwart, die Differenzierung, Selbstreflexion und genaue Aufmerksamkeit erfordert.
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