Schnabel beschreibt die Situation vor Ort als tiefgreifende humanitäre Krise. Zugleich widerspricht er der verbreiteten Annahme, militärische Eskalation könne zumindest indirekt Verbesserungen bewirken. „Welcher einzelne Mensch kann wirklich sagen: Seit es Krieg gibt, geht es mir besser?“, fragt er. Die tatsächlichen Folgen seien offensichtlich: zerstörte Existenzen, Tote, Traumatisierte.
Mit Blick auf den öffentlichen Diskurs kritisiert der Abt eine gefährliche Verschiebung: „Die, die Frieden wollen, gelten als naiv. Die, die den Krieg befürworten, als realistisch – das ist die eigentliche Verkehrung.“ Diese Logik verstärke die Fronten, statt Wege aus dem Konflikt zu eröffnen. Besonders betroffen seien jene, die kaum im Fokus stehen: Migrantinnen und Migranten, etwa aus den Philippinen oder Indien, die in Israel in Pflege, Gastronomie oder Reinigung arbeiten. Viele hätten keinen Zugang zu Schutzräumen oder sie gingen nicht in den Bunker – „weil sie bei den Menschen bleiben“, berichtet Abt Nikodemus. Pflegekräfte etwa entschieden sich, bei ihren Patienten zu bleiben – mitunter mit tödlichen Folgen: „Die Verwundbarsten zahlen den höchsten Preis.“
Zugleich verweist er auf eine zunehmende Gewalt abseits der militärischen Hauptlinien. In der Westbank, etwa im christlich geprägten Dorf Taybeh, habe die Gewalt radikaler Siedler zuletzt deutlich zugenommen. Angriffe auf Bewohner und Eigentum seien dokumentiert, während die internationale Aufmerksamkeit auf andere Schauplätze gerichtet sei. Auch er selbst, an seiner Kleidung deutlich erkennbar als Benediktiner-Mönch, werde in den Straßen beschimpft. In solchen Situationen erlebe er aber eine große Solidarität von den Vertretern der Juden und Muslimen. Abt Nikodemus selbst vermeidet jede politische Parteinahme. „Ich bin nicht pro Israel oder pro Palästina – ich bin pro Mensch“, sagt er. Der Konflikt lasse sich nicht in einfache Lager aufteilen. „Hier treffen Opfer auf Opfer.“ Seine Perspektive bleibt dabei bewusst nüchtern. Hoffnung sei für ihn keine Illusion, sondern eine Haltung.
Das Foto zeigt Abt Nikodemus im Schutzraum des Klosters während eines Luftangriffs am 28. Februar 2026 zusammen mit einer französischen Pilgergruppe aus Paris.
Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Hosts sind der stellvertretende Leiter des ithf, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, und LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink. Auf der Gästeliste stehen bislang renommierte Experten und Persönlichkeiten wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die White House-Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Apostolische Nuntius im Baltikum, Erzbischof Monsignore Georg Gänswein. Der Podcast ist als Video-Podcast auf YouTube sowie auf allen gängigen Audio-Podcast-Portalen verfügbar. Die erste Folge erschien im Oktober 2024. Seither verzeichnet der Podcast mehr als 250.000 Aufrufe. Zum Podcast Friedensreiter: www.linktr.ee/friedensreiter
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