Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein. In Deutschland steigt die psychische Belastung junger Menschen erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder: Laut dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung fühlte sich 2025 ein Viertel der Schülerinnen und Schüler psychisch belastet. Als Gründe gelten Leistungsdruck, Sorgen um die eigene Zukunft, Ängste angesichts von Kriegen und Krisen sowie der leichte Zugang zu belastenden Online-Inhalten. Fast die Hälfte klagt über hohen Leistungsdruck, viele erleben Mobbing – während Therapieplätze und schulpsychologische Unterstützung vielerorts fehlen.
Finnlands vielschichtige Antwort
Auch in Finnland wird beobachtet, dass psychische Belastungen bei jungen Menschen zunehmen – doch der Umgang damit fällt spürbar anders aus. In Raahe wird greifbar, wie ein Schulsystem darauf antworten kann – nicht mit einer einzelnen Maßnahme, sondern mit einem ganzen Zusammenspiel. Überall arbeiten multiprofessionelle Teams zum Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen zusammen: Beratung, Sonderpädagogik, Schulsozialarbeit, Gesundheitspflege und Schulpsychologie greifen früh und niedrigschwellig ineinander. Inklusion ist dabei kein Sonderfall, sondern Alltag. An den Schulen war zu sehen, wie schon der Lernraum selbst Ruhe ausstrahlt: Überall gibt es Rückzugsorte – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrkräfte. Hinzu kommen ein kostenloses, gesundes Mittagessen für alle Schülerinnen und Schüler, verlässliche Pausen und landesweite Anti-Mobbing-Programme. Wohlbefinden ist so kein Zusatz, sondern Bauprinzip – von der Architektur bis zum Stundenplan. Ebenso spannend wird es sein zu erfahren, wie Raahe mit Schulabsentismus umgeht: Dafür gibt es eigene Klassen und speziell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen.
Eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren
Ziel der Reise war es, die Zusammenarbeit mit der Stadt Raahe zu festigen. Geplant sind sowohl Jobshadowings für Lehrkräfte als auch Schülerinnen- und Schülermobilitäten – Formate, die die Partnerschaft auf beiden Seiten verankern und mit gelebter Praxis füllen. Die ersten Maßnahmen des neuen Programms, das mit dem zweiten Schulhalbjahr ab Februar 2027 im Konsortium in Kraft tritt, stehen dann den Lehrkräften der niedersächsischen Konsortiumsschulen offen.
„Wer erlebt hat, wie selbstverständlich Gesundheit und Zugehörigkeit in finnischen Schulen mitgedacht werden, schaut anders auf die eigene Schulpraxis. Genau solche Impulse wollen wir über INNOVATION4YOU für die Lehrkräfte in Niedersachsen zugänglich machen.” Judith Hilmes, Bildungsmanagerin am Ludwig-Windthorst-Haus
„Wenn sich Türen zwischen Schulen verschiedener Länder öffnen, gewinnen alle. Uns ist wichtig, dass es nicht bei einem Blick über die Schulter bleibt: Wir wollen gemeinsam lernen – voneinander, miteinander und mit Blick auf das, was Kinder wirklich stark macht.” Pauliina Kanervo, Direktorin für Bildung und Erziehung der Stadt Raahe
Für das LWH ist diese Kooperation mehr als ein weiterer Baustein im Erasmus+-Netzwerk. Sie eröffnet den Lehrkräften des Konsortiums unmittelbaren Zugang zu einer Schulkultur, die Gesundheit, Zugehörigkeit und Lernen zusammendenkt. Was sie in Raahe erleben, tragen sie in ihre Klassenzimmer zurück – und davon profitieren am Ende nicht einzelne Lehrkräfte, sondern die Schülerinnen und Schüler in ganz Niedersachsen.
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