EURO-VISIONEN

Halbjahresthema I/2019

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Um Mai 2019 finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Das ist eigentlich ein Jubiläum, denn diese Wahlen gibt es seit 40 Jahren. Das Parlament ist eine Institution der Europäischen Union, deren Bedeutung immens gewachsen ist. Jede wichtige Entscheidung der EU muss durch das Parlament. Das war vor vier Jahrzehnten längst nicht der Fall. Nur scheint das kaum jemand zur Kenntnis zu nehmen. Die Zentrifugalkräfte nehmen zu. Vielleicht zeigen die Auseinandersetzungen um den Brexit, dass ohne die EU alles komplizierter wird, dass ohne die EU die Wirtschaft der Nationalstaaten geschwächt wird, dass ohne die EU wieder lange Wartezeiten an den Grenzen bevorstehen, dass ohne eine EU der Frieden in Europa und der Welt extrem gefährdet ist. Die verhängnisvolle Entscheidung der Briten vom Juni 2016 war keine Entscheidung über die EU, kein Ergebnis eines rationalen Prozesses, sondern das Produkt einer aufgeheizten Stimmungslage. 

Vielleicht hat die EU ein Vermittlungsproblem. Wer macht immer wieder deutlich, welche Vorteile die unterschiedlichen Richtlinien und Verordnungen haben? Wer in der EU hat diesen Draht zur Basis, dass die Sinnhaftigkeit der Entscheidungen bei den Menschen ankommt? Die Flüchtlingspolitik ist ein Symptom dafür, dass manche Herausforderung der Quadratur des Kreises gleicht. Gerade hier darf man nicht vergessen, dass durch das Dublin-Abkommen Staaten wie Italien und Griechenland unter Billigung der anderen Mitglieder eindeutig benachteiligt wurden. 

Was an dieser Stelle gar nicht mehr hilft, sind Sonntagsreden, die abstrakt und mit leerem Pathos immer wieder die Werte des christlichen Abendlandes beschwören (Pegida zeigt, wie man so etwas dann pervertieren kann), je nach Wetterlage angereichert durch die jüdische, römische und griechische Tradition. 

Entscheidend sind nach wie vor die menschlichen Begegnungen. Wenn sich in unserem erasmus+ Projekt „DigiTeach EUrope“ Lehrkräfte aus Polen, Kroatien, Mazedonien und Deutschland treffen, dann geht es nicht nur um einen Austausch von Methodik und Didaktik, sondern es entstehen Freundschaften, es entsteht auch ein größeres Verständnis für die jeweils andere Nation – auf Augenhöhe. 

Darum geht es uns im kommenden Halbjahr. Es steht unter dem Motto EUROVISIONEN.Wir möchten unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, wie wir in Europa Zukunft gestalten können. Europa ist eben nicht nur eine Sache der Kommission, des Ministerrats oder des Parlaments, Europa beginnt bei jedem Einzelnen. Wenn man den Titel liest, mag man zunächst an die Eurovisionsmelodie denken, die dem Te Deum von Charpentier entstammt. Man mag vielleicht auch an den Euro und dessen Zukunftsperspektiven denken. Aber es geht darum, bei allem Klein-Klein, bei aller Bürokratie, die eigentliche Idee für diesen Kontinent nicht zu vergessen, sich auf das zu besinnen, was trägt: Und das ist der friedliche Austausch in den unterschiedlichsten Feldern wie Kultur und Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, Religion und Umwelt – damit diese Welt menschlicher wird. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit unseren demokratischen Grundwerten, die in der Aufklärung, dem Humanismus und in der Tat in unserem christlich-jüdischen Erbe wurzeln.

Sie sind herzlich eingeladen, diese Seele Europas freizulegen!

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ICH (UN)VERBESSERLICH

Halbjahresthema II/2018

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Wie bekomme ich die beste, effektivste, leistungsfähigste Version meiner selbst hin? Ich 2.0? Nein, Ich 4.0! Joggen mit Fitness-Armband und Meditieren mit App vor dem Frühstück mit Green Smoothie.  Hauptsache gesund. Mittagspause mit Superfood, Low Carb. Abends noch eine Stunde ins Fitnessstudio. Alles in die App eintragen, sonst weiß ich nicht, wie mein Tag war, ob ich geliefert habe, ob ich Leistung gebracht habe – so ungefähr konnte man jüngst im Zeit-Magazin lesen, wie schön das mit der Selbstoptimierung ist. 

Keine Frage: Wer möchte sich nicht verbessern? Und es ist ja auch nichts Schlimmes dabei, wenn jemand an sich arbeitet – an seinen Marotten, an seinen Lastern, an seinen Fehlern. Wer sich verbessern möchte, muss freilich die eigenen Grenzen im Blick haben – und akzeptieren. Wir sind aber immer schon dabei, diese Grenzen zu überschreiten, unsere physischen, psychischen, intellektuellen Möglichkeiten zu erweitern – mit Hilfe technischer Verfahren.  

Mit dem Leitwort ICH (UN)VERBESSERLICH spüren wir in diesem Halbjahr unserem angeborenen Hang zum Perfektionismus nach und loten aus, wo wir unsere Grenzen überschreiten. Wir wollen wissen, was es bedeutet, wenn Maschinen anfangen zu denken, wenn Designerbabies mit Genscheren „produziert“ werden, wenn Leistung zur Frage technischer Machbarkeit wird, wenn Lernerfolg von Hirndoping abhängt. 

Titelbild Halbjahresprogramm II/2018

Im Hintergrund steht auch die alte Erzählung vom Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister / werd ich nun nicht los.“ –Der Zauberlehrling ist alleine und probiert einen Zauberspruch seines Meisters aus. Er verwandelt einen Besen in einen Knecht, der Wasser schleppen muss. Anfänglich ist der Zauberlehrling stolz auf sein Können, doch bald merkt er, dass er der Situation nicht mehr gewachsen ist. Ihm fehlt das entscheidende Wort, um dem verzauberten Besen Einhalt zu gebieten. Stattdessen setzt der das ganze Haus unter Wasser. Und als der Lehrling aus lauter Verzweiflung den Besen entzwei schlägt, hat er auf einmal zwei Wasserträger. Erst der Meister kann das Spektakel wieder beenden.

Er kennt das Wort, das die ungebändigten Kräfte wieder in ihre Schranken weist. Diese Ballade von Johann Wolfgang Goethe schildert eine Grundbefindlichkeit menschlichen Forschens und Erfindens: Wir können nie alle Folgen unseres Handelns überblicken. Das gilt vor allem dann, wenn uns noch der Durchblick fehlt.

Wenn wir von künstlicher Intelligenz reden, mögen einem ähnlich beunruhigende Gedanken durch den Kopf gehen. Alle reden darüber, jeder stellt sich etwas anderes darunter

 vor, alle haben das Gefühl, dass der Mensch da irgendwie demnächst von Maschinen gesteuert werden könnte, nicht mehr umgekehrt: autonomes Fahren, Pflegeroboter, Industrieproduktion ohne Menschen, intelligente Waffen?

Die Frage ist dabei, wer am Ende entscheidet – noch ein Mensch oder schon die Maschine? In Goethes Zauberlehrling bleibt Hoffnung: Es gibt mit dem Meister eine Person, die die Sache wieder in den Griff bekommt. Und auch bei unseren technischen Entwicklungen mit ihrem gewaltigen Potential kommt es auf die Entscheider an, auf die Einstellung, mit der wir sie nutzen. 

Mit ICH (UN)VERBESSERLICH möchten wir in diesem Halbjahr keinen Fortschrittspessimismus verbreiten. Wir fragen und diskutieren, welche Auswirkungen es hat, dass Menschen sich selbst immer wieder ein noch optimaleres (ich bin mir nicht sicher, ob hier eine Steigerungsform überhaupt möglich ist) Design verpassen möchten und gleichzeitig ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen immer weiter robotisieren. Was macht das mit uns Menschen? Was ist, wenn Diktatoren oder Unwissende mit einem Male über all die Technologien verfügen? Die künstliche Intelligenz wird sicherlich viele Arbeitsvorgänge in der Industrie vereinfachen und wesentlich präziser gestalten. Kommen wir dann aber letztlich dahin, dass der Mensch nur noch eine Marionette unkalkulierbarer Algorithmen wird? Schafft sich der Mensch in seinem absoluten Optimierungsbestreben ab?

Mit Dürrenmatt gilt „Alles Denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in Zukunft.“ (Die Physiker). Das heißt, unsere Aufgabe ist es, solche Entwicklungen offen anzugehen. Denn die Auswirkungen gehen alle an. Und: „Was alle angeht, können nur alle lösen“ (Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern). Sie sind herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam nach Lösungswegen zu suchen!

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