"Unfassbare Wunder" eröffnet

Am 10. November 2019 wurde die Fotoausstellung "Unfassbare Wunder" eröffnet, die Schwarzweiß-Portraits von Überlebenden des Nationalsozialismus zeigt. Die Ausstellung ist bis zum 20. Dezember 2019 im Hauptgebäude des LWH zu sehen. Gerne bieten wir nach vorheriger Anmeldung Führungen durch die Ausstellung an. Bitte wenden Sie sich an Birgit Kölker, Tel. 0591 6102-112 oder koelker@lwh.de .

An dieser Stelle veröffentlichen wir das Grußwort von Dr. Heribert Lange, Vorsitzender Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen, und die Einführung der Journalistin Dr. Christiane Hoffmans.


Grußwort Dr. Heribert Lange


Lieber Michael Reitemeyer, sehr geehrter Herr Konrad Rufus Müller, meine Damen und Herren,

vielen herzlichen Dank für die wunderbare Idee Ihrer Ausstellung, deren Ausrichtung und Kuratierung dem Ludwig-Windthorst-Haus angelegen war und gelungen ist, und in der bekannten Ausstellungsreihe des Hauses gewiss schon heute auch ein Glanzpunkt.
Gerne sind wir als Forum Juden Christen mit dabei. Denn das, was wir an Erklä-rungen, Texten  und Fotografien hier bereits sehen konnten, hat nicht nur unsere Köpfe, sondern auch unsere Herzen bewegt – gar nicht zu reden von der großen fotografischen Kunstfertigkeit und dem faszinierenden künstlerischen Ergebnis der Werke, die Konrad Rufus Müller geschaffen und uns heute mitgebracht hat.
Meine erste Reaktion auf die großformatigen und überaus charakteristischen und bewegenden Fotos ist die Erinnerung an Auschwitz, den uns aufgegebenen Auschwitz-Komplex der Shoa, und die Idee des Lebens, die die biblische Schöpfungsgeschichte nahelegt und ebenso die Idee der Menschenwürde, wie sie in der Begpredigt ausgebreitet wird.
Wir haben uns vor noch nicht so langer Zeit einmal aus einer der apokryphen Schriften der jüdischen Bibel, dem  Buch der Weisheit, den 13. Vers aus dem ersten Kapitel vorgenommen, und ihn für unser eigenes Verstehen eigentlich un-fassbaren Geschehens bemüht. Er lautet: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“
Beim Betrachten Ihrer, mich unglaublich bewegenden Portraits und beim Be-denken Ihrer sehr anrührenden Texte fiel mir dieser Vers wieder ein, insbeson-dere der zweite Teil des Satzes: “ … und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ 
Es gibt zahlreiche Holocaustüberlebende, die mit ihrem Überlebensschicksal ha-dern und sich, beladen mit dem Gefühl großer Schuld, die Frage stellen: Warum nicht auch ich?
Ich denke mir beim Betrachten Ihrer sehr eindrücklichen Portraits jedoch, dass aus dem Leben dieser Menschen, die Sie portraitiert haben, nach der Shoah nicht einfach nur Überleben geworden ist, sondern ein Leben mit einem neuen tiefgehenden existentiellen Bewußtsein und Sinn. Vielleicht aber auch ein Leben erwachsen ist, das beseelt und sogar beflügelt sein könnte von neuem Mut, Lebensmut, Zuversicht, vielleicht ja auch Unverdrossenheit und ebenso Weisheit und Hoffnung. Dafür und für die Beispiele solchen Lebens bin ich, sind wir sicher alle, sehr dankbar – und nicht weniger Ihnen, verehrter Konrad Rufus Müller! 

 

Vortrag Dr. Christiane Hofmanns

„Ich schaue hinter die Fassade, durch die Hautmaske hindurch.“ Fotografien von Holocaust-Überlebenden von Konrad Rufus Müller

„Meine Bilder werden überleben.“ Diesen Satz sagte Konrad Rufus Müller beinah beiläufig während unseres langen Gesprächs. Doch diese selbstbewusste Aussage „Meine Bilder werden überleben“ hat sich bei mir festgesetzt.
Denn hinter ihr verbirgt sich die Vorstellung, dass Geschichte wach gehalten werden muss. Das ist heute wichtiger denn je. Denn es ist unmöglich, den alarmierenden Zuwachs von Antisemitismus zu übersehen. Nicht erst durch das furchtbare Attentat von Halle sehen wir, dass Juden attackiert werden. Sie werden auch auf offener Straße belästigt und angegriffen. Synagogen und Friedhöfe sind Ziele von Angriffen antisemitischer Terroristen.
Das war auch so vor genau 81 Jahren, als die Synagogen im gesamten Deutschen Reich und in Österreich brannten. Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps Geschäfte von Juden und Gotteshäuser in Brand setzten. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa. Doch wer hörte es? Was folgte, war die Ermordung von über sechs Millionen Juden.
Heute sprechen wir über Wunder. Wir sprechen über eine kleine Zahl von jüdischen Frauen, Männern und Kindern, die dem Holocaust entkommen konnten. Sie erzählen, was sie durchgemacht haben und wie der Holocaust sie bis heute prägt.
Dass ihre Erinnerungen wach bleiben, haben wir Konrad Rufus Müller und Alexandra Föderl-Schmid zu verdanken. Sie haben in ihrem Buch „Unfassbare Wunder. Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel“ 25 Opfern Stimme und Gesicht gegeben. Wir erfahren die Erlebnisse dieser unterschiedlichen Biografien aus erster Hand. Und wir dürfen ihre Gesichter betrachten, Gesichter, die in denen sich diese Lebenserfahrungen spiegeln.

Wie ist es zu diesem so besonderen Buch gekommen?
Der Auslöser war ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Auf Seite 3 hatte Alexandra Föderl-Schmid ein Porträt über einen Holocaust-Überlebenden geschrieben. Konrad Rufus Müller schrieb der Journalistin nach Tel Aviv und unterbreitete ihr die Idee, doch mehr Überlebende zu interviewen und diesen Interviews Fotos an die Seite zu stellen. Förderl-Schmid fand den Vorschlag gut. Es war schnell klar, dass die Auswahl auf die Täterländer Deutschland und Österreich begrenzt werden sollte. Und die Gesprächspartner sollten bis auf wenige Ausnahmen einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sein. Manche von ihnen sprachen sogar erstmals über das Erlebte.
Ich habe mich bei meiner Vorbereitung zu dieser Ausstellung gefragt: Warum hat Konrad Rufus Müller sich für dieses Projekt interessiert? Denn ein Blick in seine Vita verrät: Konrad Rufus Müller ist bekannt als der Fotograf der Mächtigen und der Prominenten, der Schönen – und er ist der Kanzlerfotograf. Jeder, der am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnimmt, kennt seine Porträts von Konrad Adenauer, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Willy Brandt, Helmut Schmidt. Alle deutschen Kanzler hat er vor der Kamera gehabt. Allein 400 Bilder hat er von Helmut Kohl gemacht.
Darüber hinaus hat er bedeutende Staatsmänner und Politiker wie Michail Gorbatschow, Bill Clinton, Wladimir Putin, François Mitterrand fotografiert. Aber auch Künstler wie Sergiu Celibidache, Friedrich Dürrenmatt, Entertainer und Schauspieler wie Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Hannelore Hoger und Susanne von Borsody.
Und jetzt macht er Porträts von unbekannten Holocaust-Überlebenden? Wie geht das zusammen?
Ein Blick in den Verlauf des Lebens von Konrad Rufus Müller hilft bei der Beantwortung dieser Frage: Konrad Rufus Müller wurde 1940 in eine katholische Familie in Berlin hineingeboren. Sein Vater war Geschäftsführer in einem Tuchgeschäft. Der Inhaber des Geschäfts war Jude. Als die Anfeindungen gegen Juden so stark waren, dass er sein Geschäft nicht mehr führen durfte, ist er Ende der 30er-Jahre emigriert. Die Nazis haben Müllers Vater das Geschäft angeboten. Sein Vater habe abgelehnt „aus moralischen Gründen“, erzählte mir Konrad Rufus Müller. Eine solche Entscheidung, das muss man nicht betonen, war in jenen NS-Jahren keineswegs selbstverständlich. Denn die Wahrheit über die Mittäterschaft der deutschen Bevölkerung ist evident. Der kanadische Wissenschaftler Robert Gellately hat sie so zusammengefasst: „Die Deutschen wussten sehr viel, sie wussten es sehr früh, und sie haben sehr viel mehr erfahren können, als wir vielleicht manchmal denken.“
Die moralische Standfestigkeit von Müllers Vaters, kann also nicht hoch genug bewertet werden. Und sie begleitete den Sohn ein Leben lang.
Der Vater schaute nicht weg – auch nach dem Krieg nicht, als die Gesellschaft im Wirtschaftsaufbau ihre Schuld vergrub. Er schenkte seinem Sohn zu dessen achtem Geburtstag das Buch des Soziologen Eugen Kogon „SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager“. Es ist eine der ersten oder vielleicht sogar die erste umfassende Darstellung und Analyse des KZ-Terrors und des Naziregimes. Kogon, der selbst als Gegner des Nationalsozialismus sechs Jahre lang Häftling im KZ Buchenwald war, war von der amerikanischen Psychological Warfare Division gebeten worden, einen ausführlichen Bericht über die Rolle der Konzentrationslager im nationalsozialistischen Staat und ihr organisatorisches Gefüge zu verfassen. Seinen Bericht hat er in diesem Buch verarbeitet.
Dass ein Achtjähriger ein solches Buch liest, ist sicher eine Überforderung. Aber: Auch wenn er damals nicht alles verstanden haben wird: Eingebrannt in seine Seele hat sich der Widerwille gegen Ungerechtigkeit und Terror. „Mein Leben war von diesem Buch geprägt“, sagte Rufus Müller im Gespräch.
Dass Konrad Rufus Müller heute – über 70 Jahre nachdem er dieses Buch gelesen hat – mit seiner Kamera die Gräueltaten der Nazis durch die Opfer wieder lebendig werden läßt, darf man als Lebenskreis verstehen, der sich schließt. So ist es nur logisch, wenn er sagt: „Innerlich wusste ich, dass ich ein solches Buch irgendwann machen werde.“

„Der menschliche Verstand kann nicht begreifen, dass man so eine Masse an Menschen vernichten kann in so kurzer Zeit. Das ist nicht fassbar.“ Dieses Zitat stammt von Viktor Klein. Er ist einer der 25 Überlebenden des Holocaust, die in Müllers Buch das Wort ergriffen haben. Klein wurde 1927 im Karpatenstädtchen Munkacs geboren. Mit 17 Jahren kam er nach Auschwitz-Birkenau. An der berüchtigten Rampe seien er, sein Bruder und zwei Onkel nach rechts zum Arbeitseinsatz geschickt worden. Seine Mutter, seine beiden Geschwister und alle Verwandten der Eltern kamen  nach links – in die Gaskammern. Heute lebt Viktor Klein in Wien.
Auch Eva Umlauf hat die Hölle überstanden. Am 3. November 1944 kam sie als zweijähriges Kind mit ihrer Mutter nach Auschwitz. Es war der erste Transport, dessen zusammengepferchte Insassen nicht sofort in die Gaskammern gebracht wurden. Eva bekam wie ihre Mutter eine Nummer in den kleinen Arm tätowiert: A-26959. Diese Nummer begleitete sie ein Leben lang. Heute wohnt Eva Umlauf in München. 

Wenn man das liest, was Alexandra Föderl-Schmid aufgeschrieben hat, dann ist man erstaunt, dass diese Menschen es überhaupt schaffen, über ihr Leid zu sprechen. Und dass  es Frau Förderl-Schmid gelungen ist, das Vertrauen der Überlebenden zu gewinnen, ist eine großartige Leistung.
Aber die eine Seite dieses großartigen Buches, das sind die Wörter, die Erzählungen, die Geschichten. Sie lassen sich auf einfache Weise transkribieren. Doch wie kann man diesen Menschen in fotografischen Porträts nahe kommen? Wie kann man ihnen gerecht werden?
Zwischen einer und zwei Stunden haben die Interviews, die Alexandra Föderl-Schmid geführt hat, jeweils gedauert. Konrad Rufus Müller war die ganze Zeit über mit seiner Kamera anwesend. Diese Erlebnisse seien so ergreifend gewesen, dass er seine Tränen nicht immer unterdrücken konnte, sagte er mir. Am Ende des Gesprächs waren die Befragten emotional am Ende, sagte Müller.
Aber wie kann man dann auch noch ein Foto machen?
In dieser Situation musste Konrad Rufus Müller als professioneller Beobachter und als Fotograf agieren.
Wie darf man sich das vorstellen?
Rufus Müller hat während der Zeit des Interviews die Person beobachtet. Gleichzeitig hielt er Ausschau nach gutem Licht aus. Gutes Licht bedeutet für Müller: Licht in den Augen der Menschen. Sie müssen aus dem Raum herausschauen.
Erst nach dem Gespräch wurde das Foto gemacht. Konrad Rufus Müller erzählt: „Ich habe die Person dann auf einen Stuhl und ins richtige Licht gesetzt. Ich glaube, die meisten waren froh, dass sie nicht mehr sprechen mussten. Sie haben gar nicht richtig gemerkt, dass ich sie fotografiert habe.“ Müller fotografierte die Personen frontal. Der Ausdruck der Augen und das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund seien ihm wichtig. „Ich sehe jede Regung des Auges“. „Im Grunde hatte ich das Foto schon fertig im Kopf.“
Seit 1975 benutzt Rufus Müller eine Rolleiflex. Er arbeitet nur mit Tageslicht und fotografiert analog. Er benutzt schwarz-weiß Negativfilme von Kodak. Auf jedem dieser Filme ist nur eine begrenzte Anzahl von Negativen. Das heißt, man kann nicht hemmungslos drauflos knipsen, wie das heute mit der digitalen Fotografie gemacht wird. Ganz nach dem Motto: Es wird schon ein Foto dabei sein, das gut ist. Müller bearbeitet seine Aufnahmen auch nicht am Computer. Die Fotos sind also auf eine denkbar altmodische Weise entstanden – könnte man sagen. Aber – und das ist entscheidend – diese analoge Technik nimmt jeden Augenblick, jede Regung der Porträtierten ernst – und macht sie nicht zu unendlich reproduzierbaren Objekten, sondern sie behalten ihre Würde.

Blicken wir auf die Fotos: Was sehen wir?
Traurigkeit, Einsamkeit, Schmerz, Stolz, Lebenskraft, Nachdenklichkeit, Abwesenheit, Skepsis, Gebrochenheit spiegeln sich in den Bildern der Überlebenden. Ablesbar werden diese Gemütszustände, weil Konrad Rufus Müller keine Scheu hat, ihre Gesichter von sehr nah aufzunehmen – er fängt die Seele mit der Kamera ein. Wir sehen Gesichtslandschaften mit Furchen und Falten, mit Flecken und Hautschichtungen. Wir sehen in abwesende und traurige, in stolze und gebrochene Augen. Und trotz dieser unglaublichen Nähe, aus der diese Menschen den Betrachter anschauen – hat man nie das Gefühl: Hier wird eine Person vorgeführt. Müller schafft mit seinen Porträts eine diskrete Distanz, die aber – und das ist die große Kunst – dennoch das Wesentliche einfängt.

Konrad Rufus Müller wurde einmal der Hautfotograf genannt. Diese Zuschreibung ist treffend. Denn wir sehen auf seinen Porträts vor allem Gesichter und Hände. Noch nicht einmal ein Oberkörper ist abgelichtet. Und wenn man ganz genau hinschaut, dann ist auch der Kopf nicht immer vollständig auf dem Bild zu sehen – so eng ist der Ausschnitt gewählt. Der entsteht übrigens erst in der Dunkelkammer. Dort beginnt die Arbeit mit dem Negativ, die Festlegung des Ausschnitts, die Gewichtung der Hell-Dunkel-Werte. Jetzt erst gewinnt das Bild seine Dramatik, hier kommt der Künstler Müller ins Spiel.
Wie etwa bei Rachel Oschitzki.
Sie war die erste Person, die Müller fotografiert hat. Das Licht kommt von vorne aus dem Fenster. Die Schwärze kommt vom Fernseher, vor dem sie sitzt. Sie hat den Kopf stolz nach oben gehalten, wodurch der Hals faltenlos erscheint. Der Blick ist nach innen gerichtet. Sie geht ihren Gedanken nach. Optisches Dokument, nennt Müller ein solches Bild.
Oder Horst Selbiger: Ein irrer Kopf, sagte Konrad Rufus Müller. Auch weil er den Mann dramatisch in ein Reich zwischen Licht und Schatten stellt. Hier läßt Rodins Figur des Denkers grüßen.

Warum hat Müller nicht den ganzen Menschen porträtiert? Nun könnte man sagen, es gehört zu Rufus Müllers künstlerischer Idee, Porträts auf Gesicht und Hände zu reduzieren. Schließlich fotografiert er seit Jahrzehnten nach diesem Konzept. Und es gibt so etwas wie die Müller-Handschrift, die seine Werke unverwechselbar machen.
Doch das greift zu kurz: Gesicht und Hände sind die Körperteile, die der Mensch unbedeckt lässt, wenn er sich anderen Menschen zeigt. Mit ihnen drückt jede Person sich aus – ob bewusst oder unbewußt. Gestik und Mimik sind das Ausdruckswerkzeug für Emotionen und der Speicher der Erinnerung. Viele Künstler haben sich mit Händen beschäftigt: Dürers betende Hände, Michelangelos Fingerberühung in „Gott erschafft Adam“ in der Sixtischen Kapelle: Hände als Ausdrucksträger waren und sind bis heute ein Motiv für menschliches Handeln, Fühlen und Denken.
„Das Wesentliche der Person kann ich in ein bis zwei Stunde erfassen“, sagt er. „Ich schaue hinter die Fassade, durch die Hautmaske hindurch.“ Wenn Rufus Müller eine solche Geschichte erzählt, ist das kein Hokus-Pokus. Es ist die fundierte Seh-Erfahrung eines Mannes, der sein Leben lang Gesichter studiert hat. Und der es schafft, seinen tiefen Blick mit der Kamera einzufangen. Konrad Rufus Müller bezeichnet sich gerne als sich als Fotograf der Zwischentöne - damit charakterisiert er die Differenziert im Ausdruck der Porträts.
Wie bei Victor Klein: In seine Haut sind die Buchstaben und Zahlen von Ausschwitz sichtbar. Victor Klein hat den Hemdärmel hochgezogen. Die Haut ist mit der Nummer gewachsen.
Fragt man Konrad Rufus Müller, warum die von ihm Porträtierten erst jetzt ihre Geschichten erzählen, gibt er zur Antwort:
Viele haben sich gefragt, was mit ihren Erinnerungen geschieht, wenn sie nicht mehr leben. Andere beschäftigen sich erst jetzt im Alter mit ihren Erlebnissen. Viele wollen warnen vor den rechten Gesinnungen. Für viele sind die Wunden nicht verheilt.
Alle Interviewten haben unterschiedliche Perspektiven auf die Zukunft. Gemeinsam ist ihnen, sie beobachten die politischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in ihren Ländern und auf der Welt sehr genau. Die Erfahrungen aus der Nazi-Zeit haben ihren Blick auf die Gegenwart geschärft. Auf die AfD und die Neo-Nazis in Deutschland, die FPÖ in Österreich. Und noch eins verbindet alle: Sie blicken pessimistisch in die Zukunft. So sagt Charlotte Knobloch: Sie wisse nicht, ob es in zehn Jahren noch jüdischen Leben in Deutschland gebe.
Auch ohne in die Glaskugel schauen zu müssen, kann man sagen: Die Bilder von Rufus Müller werden überleben. Selbst, wenn keiner mehr wissen sollte, wer der Autor dieser eindringlichen Porträts ist. Denn die Gesichter sprechen ihre eigene Sprache. In ihnen zeigt sich das Leid, der Kampf – die dunkle Seite des vergangenen Jahrhunderts. Aber hin und wieder blitzt auch die Hoffnung auf – die Hoffnung darauf, das ein solches Leid der Menschheit nicht mehr widerfahren sollte. 

Hinweis: Es gilt das gesprochene Wort.

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