Rückblick: Spielt der Mensch bald keine Rolle mehr?

Akademieabend zu Yuval Noah Hararis „Homo Deus“

Was lässt sich aus der Vergangenheit über die Zukunft der Menschen lernen? Und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in dieser Zukunft? Mit den Thesen des israelischen Historikers Yuval Noah Harari zu diesen Fragen hat sich am Montag, 22. Oktober 2018, ein Akademieabend im Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) beschäftigt. Ausgangspunkt und Titel der Veranstaltung war Hararis Bestseller „Homo Deus“. Der stellvertretende Akademiedirektor René Kollai hatte Dr. Tobias Kläden nach Lingen eingeladen, der an der Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt als Referent für Pastoral und Gesellschaft tätig ist.

René Kollai (LWH) und Referent Dr. Tobias Kläden. Foto: Michael BrendelKläden hob zunächst die Wichtigkeit des Themas Künstliche Intelligenz hervor. „Sie ist neben dem Klimawandel das wichtigste Zukunftsthema für uns Menschen“, so Kläden. „Und dafür befassen wir uns recht wenig damit.“ Harari würde in seinem Buch aber nicht Prognosen anstellen, sondern anhand geschichtlicher Entwicklungen Möglichkeiten aufzeigen, was in der Zukunft passieren kann. Kläden selbst habe das Buch gerne gelesen, auch wenn er nicht jedes Detail unterschreiben könne.

Harari vertrete die These, dass noch keine Spezies die Welt so sehr verändert habe wie der Mensch. 90 Prozent der Lebewesen auf dieser Erde seien Menschen oder domestizierte Tiere wie Hunde, Katzen oder Nutztiere. „Hier finde ich den Harari schon stark“, urteilte Kläden, „weil er fragt: Wie gehen wir eigentlich mit den Tieren um?“ Weitergehend würde Harari  in „Homo Deus“ analysieren, was den Menschen in der Welt so mächtig gemacht habe. Vor allem die effektive und flexible Zusammenarbeit in größeren Gruppen von mehr als 150 Personen unterscheide ihn laut Harari von anderen Lebewesen. Auch hätten die Menschen „intersubjektive Wirklichkeiten“ geschaffen, also Dinge wie Geld oder Grenzen, die nur in der Vorstellung existieren, aber trotzdem real sind.

Der Mensch würde aber zunehmend die Kontrolle über die Welt verlieren. Weil Computer und Roboter viele Aufgaben besser als Menschen erledigen könnten, würden zukünftig viele Menschen ihre Jobs verlieren. Menschen, die heute einfachen Tätigkeiten nachgehen würden, würden laut Harari Teil der „Nicht-Arbeiterklasse“. „Es wird noch die Menschen geben, aber nicht mehr die Individuen.“
Ein Kernpunkt von Harari sei, alle Organismen als Algorithmen zu sehen, erklärte Kläden. Der freie Wille und das Bewusstsein seien lediglich biochemische Prozesse. „Deshalb kann es sein, das ein externer Algorithmus viel besser über mich Bescheid weiß als ich selbst“.
Neben der Nicht-Arbeiterklasse würde es auch den Übermenschen, den Homo Deus geben, der Nanotechnologie, Gentechnik und Gehirn-Computer-Schnittstellen verwenden würde, um sich zu verbessern. Dieses Streben nennt  Harari „Techno-Humanismus“  und bezeichnet ihn als Religion . Laut Harari gäbe es eine zweite Religion, den „Dataismus“, in dem nur die reine Information von Wert sei: „Das ist die extremere Version, wo der Mensch gar keine Rolle mehr spielt.“ Schon heute könne man sehen, dass demokratische Systeme mit so vielen Informationen nicht mehr zurecht kämen. „Dataismus könnte den Menschen das antun, was die Menschen den Tieren angetan haben.“ Dieses dataistische Dogma zu hinterfragen sei für Harari das wichtigste, worum es im 21. Jahrhundert ginge. 

Zum Abschluss seines Vortrags fasste Kläden Hararis Anliegen zusammen: „Darum geht es Harari: Ist Leben nur Datenverarbeitung? Was ist wichtiger, Intelligenz oder Bewusstsein? Und was wird aus der Gesellschaft, wenn es hochintelligente Algorithmen gibt? Ich unterstütze  Harari, , dass wir über diese Themen zu wenig sprechen. Ich hoffe, dass das Buch solche Diskussionen auslöst.“
Auch im LWH lösten Hararis Thesen Diskussionen aus. Ein Gast fragte beispielsweise zur Position der Kirche zu Hararis Zukunftsszenarien. Bislang, antworteten Referent Tobias Kläden und Gastgeber René Kollai übereinstimmend, gäbe es keine Antwort aus der Kirche. Michael Brendel (Text+Fotos)

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